Bildung

Veröffentlicht am 16. Mai 2017 | von Kimbie Humer-Vogl

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Queer Topics: LGBTIQ* in Schule und Gesundheit

LGBTIQ*. Das steht für: lesbian, gay, bisexual, trans-, intersexual, questioning. Sehr vorsichtig geschätzt trifft diese Zuschreibung auf 3,5% der Bevölkerung zu. Damit im 21. Jahrhundert (!!!) immer noch verbunden: Ignoranz, Diskriminierung und Ausgrenzung.

Bei einer Fachtagung der Homosexuellen Initiative Salzburgam 13. Mai 2017 wurden die Auswirkungen der Diskriminierung von LGBTIQ*-Menschen anhand zweier Lebensbereiche näher beleuchtet: Schule und Gesundheit. Ich durfte an dieser hochkarätigen Tagung teilnehmen und möchte Euch ein paar wesentliche Inhalte nicht vorenthalten:

LGBTIQ* in der Schule: 38.850 LGBTIQ* SchülerInnen in Österreich

Obwohl Sexualpädogogik ein Unterrichtsprinzip an unseren Schulen ist, kommt Sexualerziehung in den Lehrplänen nur wenig vor. Und wenn doch – das habe ich zumindest auch im engeren Umfeld mitbekommen – dann geht es in erster Linie um heterosexuelle Beziehungen. Andere Formen der Liebe sowie Geschlechtsidentitäten, die nicht unserer dichotomen Vorstellung von Mann und Frau entsprechen, bleiben meist gänzlich unerwähnt.

3,5% LGBTIQ*-Menschen bedeutet: in mindestens drei von vier Klassen sitzt ein solcher Schüler/eine solche Schülerin. Und für diese Schüler bedeutet diese Ignoranz: noch mehr Unsicherheit, was die eigene Rolle anbelangt und noch mehr Angst bezüglich eines mögliches coming-out.
Für alle anderen bedeutet es: Was nicht sein darf, ist nicht. Und Unbekanntes nährt bekanntlich die Angst, die wiederum ein wunderbarer Nährboden für Ablehnung und Ausgrenzung ist. Das ist insofern besonders schade, als gerade die Reorganisationsprozesse im Gehirn während der Pubertät den Jugendlichen die Chance geben würden, sich von vorgegebenen tradierten Vorstellungen zu lösen und neue Einstellungen zu erwerben.

Aber zurück zu den LGBTIQ*-SchülerInnen:  Studien zeigen, dass 2/3 große Ängste haben, durch ein coming-out Ablehnung durch die FreundInnen und Familie zu erleben und immer noch 60% haben Angst davor, in der Schule Probleme zu bekommen. Durch ein gänzliches Verschweigen von LGBTIQ*  wird diese Angst natürlich gefüttert. In der besonders sensiblen Lebensphase der Pubertät doppelt tragisch, beginnen doch gerade in der Pubertät viele psychische Erkrankungen, die zu lebenslangen Begleitern werden können.

Was hilft? – In Salzburg: Die Schule der Vielfalt. ExpertInnen der eigenen Lebenslage und ProfessionistInnen gehen an Schulen und klären auf, sensibilisieren die SchülerInnen für das Thema, stellen Kontakte zu Anlaufstellen her. Informationen dazu gibt es unter http://www.schule-der-vielfalt.at/ . Umgesetzt wird dieses Projekt von der HOSI.

4,418 LGBTIQ* LehrerInnen in Österreich

Das Thema „coming-out“ ist für LehrerInnen fast noch sensibler zu sehen als für SchülerInnen. Zwar sind LehrerInnen vor Diskriminierung sehr gut geschützt und SchülerInnen haben meist kein Problem mit dem Outing eines Lehrers/ einer Lehrerin, doch Homophobie ist weit verbreitet und mit ziemlicher Sicherheit eben auch im Umfeld der SchülerInnen anzutreffen.

Homophobie kennt übrigens viele Schattierungen beginnend mit „Wir müssen ja nicht unbedingt darüber sprechen!“ bis hin zu „Die bring ich alle um!“. Genaue Zahlen zur Verbreitung gibt es nicht.

Ob sich LehrerInnen outen wollen oder nicht, stellt sich im Schulhaus immer und immer wieder. Während eine Verpartnerung/Ehe der Direktion bekannt gegeben werden muss, ist es eine sehr persönliche Entscheidung, ob der Umstand LGBTIQ*-Mensch zu sein, auch im Kollegium bzw. im Klassenzimmer publik werden soll. Ein outing kann immer auch zu struktureller Benachteiligung führen, andererseits wären gerade an den Schulen Role-Models besonders wichtig.

AnsprechpartnerInnen für LGBTIQ*-LehrerInnen gibt es beim Verein „Ausgesprochen! LGBTI Lehrerinnen und Lehrer“.

LGBTIQ* in der Gesundheitspolitik

Besonders viele Herausforderungen finden wir wenn wir die (nicht existente) Gesundheitspolitik für LGBTIQ*-Menschen beleuchten. Hier eine kurze Übersicht über die brennendsten Probleme:

  • Problem Nr. 1: In Österreich fehlen valide Daten. Derzeit ist die österreichische Gesundheitspolitik auf Schätzungen angewiesen. Zwar gibt es health policies für LGBTIQ*-Menschen, aber keine Gewissheit, wie und wo diese anzuwenden sind.

Dass es sich hierbei aber um eine wichtige Fragestellung handelt, zeigen Studien aus anderen Ländern:

So ist aus US-Amerikanischen Studien bekannt, dass die Screening-Raten beim PAP-Test bei lesbischen Frauen wesentlich schlechter als bei hetero-Frauen sind. Dieser „Delay of care“ bei lesbischen Frauen wird auch in anderen Studien beobachtet.

  • Ebenso wissen wir, dass LGBTIQ*-Menschen ein erhöhtes Risiko für Depressionen aufweisen.
  • Internationale Studien belegen ein erhöhtes Suizidrisiko für LGBTIQ*-Menschen um das 3,5-fache.
  • LGBTIQ*-Menschen werden öfter Opfer körperlicher, aber vor allem auch sexualisierter Übergriffe.
  • Es gibt die Vermutung, dass LGBTIQ*-Menschen einen erhöhten Substanzkonsum aufweisen mit all seinen negativen gesundheitlichen Auswirkungen.
  • Die fehlenden Kompetenzen des medizinischen Systems stellen zusätzliche Barrieren für die adäquate Gesundheitsversorgung von LGBTIQ*-Menschen dar.
  • Dazu kommt der grundsätzliche Minoritätenstress, der bereits ein Gesundheitsrisiko an sich darstellt.

Was es dringend braucht:

  • Eine umfassende Antidiskriminierungspolitik
  • Eine Verankerung der Policy-Dokumente in Ausbildung und Praxis
  • Vermehrte Bemühungen bei der Erhebung von validen Daten auch für Österreich
  • Bekämpfung der Risikofaktoren strukturelle Diskriminierung, Barrieren in der Gesundheitsversorgung, Minoritätenstress,
  • LGBTIQ*- Kompetenzerwerb für sämtliche Berufsgruppen im Gesundheitsbereich
  • Neue Strategien (zB Anti-Bullying Strategien als aktiver Jugendschutz)

Zusammenfassung:

LGBTIQ*-Menschen sind sowohl in Schule als auch im Gesundheitssystem massiven Diskriminierungen ausgesetzt. Es liegt an uns allen diese Diskriminierungen aufzuzeigen und zu beseitigen. Fangen wir heute damit an – es gibt viel zu tun!

Kimbie Humer-Vogl

Über Kimbie Humer-Vogl

Landtagsabgeordnete, stv. Klubobfrau, Bezirkssprecherin der Grünen Tennengau - Sprecherin für Gesundheit, Soziales, SeniorInnen, Inklusion, Ehrenamt, Religion


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