Gesundheit & Ernährung

Veröffentlicht am 10. Mai 2017 | von Kimbie Humer-Vogl

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Salzburg bekommt Integrierte Versorgung für psychisch Kranke

Trotz eines steten Ausbaus des psychosozialen Systems ist die Versorgung schwer psychisch erkrankter Menschen im Bundesland Salzburg bis zum heutigen Tag unbefriedigend.
Die Behandlung psychisch kranker Menschen beginnt in der Regel zu spät und ist auch dann meist nicht optimal. Unser System ist krankenhauslastig, der Behandlungserfolg lässt sich außerhalb der Klinik aber nur schlecht aufrechterhalten.

Die Hintergründe:

  1. Schwere psychische Erkrankungen beginnen meist früh. Rechtzeitiger Behandlungsbeginn könnte hier einen schweren Krankheitsverlauf abschwächen oder gar ganz vermeiden. Gerade aber die Versorgung von Kindern und Jugendlichen ist im Bundesland noch nicht gut gelöst.
  2. Ein weiteres Problem ist die große Verzögerung zwischen Auftreten der Ersterkrankung und der ersten Diagnose, bzw. der Behandlungsaufnahme. Dass dazwischen viele Jahre vergehen ist keine Seltenheit. Die Folge: eine schlechte Prognose.
  3. Behandlungsabbrüche sind sehr häufig und zwar insbesondere an der Schnittstelle Krankenhaus-Gemeinde. Die Rückfallwahrscheinlichkeit nach Medikamentenabbruch ist für psychisch schwer erkrankte Menschen sehr hoch. Jeder Rückfall verschlechtert den Krankheitsverlauf.
  4. Nur ein geringer Prozentsatz psychisch erkrankter Menschen erhält eine optimale Behandlung. Während Medikamente noch relativ häufig zum Einsatz kommen, sind psychotherapeutische und soziotherapeutische Angebote viel zu selten.
  5. Die Kosten für die Behandlung psychisch schwer erkrankter Menschen sind sehr hoch. 90 Prozent der Behandlungskosten fallen dabei für das Krankenhaus an, nur 10 Prozent für die gemeindenahe Versorgung.

Ein Blick über die Grenzen zeigt: Modelle der integrierten Versorgung sind erfolgsversprechend

Auf Einladung der Plattform Psychiatrie hat Professor Lambert 2013 erstmals in Salzburg das „Hamburger Modell“ der integrierten Versorgung präsentiert:
Ziel des Behandlungsmodells ist eine Reduzierung der Anzahl der stationären Tage, mit der Annahme, dass dadurch die Lebensqualität der schwer erkrankten Menschen verbessert, die Behandlungskosten gesenkt, und die Arbeitszufriedenheit der ProfessionistInnen gesteigert werden könnte.
Dazu wurden Außenteams bestehend aus medizinischen und psychosozialen MitarbeiterInnen gebildet. Die TeammitarbeiterInnen sind ausnahmslos hoch qualifiziert, mobil und rund um die Uhr erreichbar. Jedes Behandlungsteam behandelt eine bestimmte Anzahl an PatientInnen.

Die Arbeit der Außenteams sieht folgendermaßen aus: Werden PatientInnen an der Klinik aufgenommen, erfolgt kein Aufnahmegespräch, sondern es beginnt sofort das Entlassungsmanagement. Das Außenteam nimmt Kontakt zu den PatientInnen auf und regelt die Vernetzung mit den gemeindenahen Angeboten. Die Außenteams halten ständig Kontakt zu ihren PatientInnen. Diese Kontaktfrequenz variiert zwischen mehreren Besuchen täglich, bis zu einem Besuch pro Monat. Kommen Rückmeldungen aus dem Umfeld des Betroffenen ist das mobile Team innerhalb weniger Stunden vor Ort.

Die Ergebnisse des Hamburger Modells der integrierten Versorgung bei schwer psychisch Erkrankten sind ausgesprochen vielversprechend.

So zeigte sich in Hamburg drei Jahre nach Projektbeginn:

1. Eine hochsignifikante Verbesserung der Lebensqualität der Betroffenen und ihrer Angehörigen:

  • Die Lebensqualität der Betroffenen pendelte sich auf gut bis sehr gut ein
  • Die Zufriedenheit der Angehörigen pendelte zwischen zufrieden und sehr zufrieden

2. Eine hohe Wirksamkeit der psychosozialen Interventionen:

  • Die Betroffenen wurden deutlich gesünder
  • Ihr Funktionsniveau konnte deutlich gesteigert werden

3. Die Zwangseinweisungen gingen drastisch zurück

Nun wird  nach ausgiebigen Vorarbeiten auch Salzburg ein Pilotprojekt zur integrierten Versorgung starten.
Finanziert von der Salzburger Gebietskrankenkasse und dem Land Salzburg (Sozial- und Gesundheitsressort) wird an den Standorten Salzburg (CDK) und Schwarzach (Klinikum Schwarzach) jeweils ein multiprofessionelles Team bestehend aus Fachärzten für Psychiatrie, PsychologInnen und PsychotherapeutInnen, Pflegekräften und Sozialarbeitern eingerichtet.

Ab 2018 sollen diese beiden Teams schrittweise die Versorgung von schwer erkrankten PatientInnen übernehmen. Die Betreuung wird dabei auf jeden einzelnen Patienten maßgeschneidert und bedürfnisorientiert abgestimmt. Je nach Bedarf kommen einzelne Teammitglieder zu den PatientInnen nach Hause. Sie unterstützen die PatientInnen bei den Herausforderungen des täglichen Lebens, stellen den Kontakt zu niedergelassenen ÄrztInnen, TherapeutInnen und sozialpsychiatrischen Einrichtungen dar, achten auf die therapeutische Compliance der PatientInnen, unterstützen die Angehörigen und sind in Krisensituationen schnell vor Ort.

Ich begrüße diesen ersten Schritt, der vorerst zwar nur für eine kleine PatientInnengruppe Verbesserungen bringen wird, in den nächsten Jahren aber hoffentlich schrittweise ausgebaut wird.
Endlich bekommen psychisch schwer kranke Menschen und ihre Angehörigen jene Unterstützung, die nötig ist, um ihnen ein gutes Leben trotz psychischer Erkrankung zu bieten!

Kimbie Humer-Vogl

Über Kimbie Humer-Vogl

Landtagsabgeordnete, stv. Klubobfrau, Bezirkssprecherin der Grünen Tennengau - Sprecherin für Gesundheit, Soziales, SeniorInnen, Inklusion, Ehrenamt, Religion


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Landtagsabgeordnete, stv. Klubobfrau, Bezirkssprecherin der Grünen Tennengau - Sprecherin für Gesundheit, Soziales, SeniorInnen, Inklusion, Ehrenamt, Religion



2 Responses to Salzburg bekommt Integrierte Versorgung für psychisch Kranke

  1. Rudolf Scheutz says:

    Herzlichen Dank, Frau Dr. Humer-Vogl.
    Wichtig waere weiters Psychotherapie auf Krankenschein und Mobbing.

  2. M.Sch. says:

    Hallo Kimbie, die Maßnahmen betr. integrierter Versorgung finde ich super! Bitte auch verbess. Versorgungsmöglichkeiten in der Stadt Salzburg direkt. Vor allem traumatisierte Kinder (fam. Gewalt), Kinder mit speziellen Bedürfnissen (ADHS, Autismus, Schulverweigerer…..gehören VIEL BESSER versorgt. Herzlichen Dank, M.

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