Allgemein

Veröffentlicht am 5. Mai 2017 | von Kimbie Humer-Vogl

3

Ein halbes Jahr ohne Kleiderkauf

Kennt ihr das? Ganz unschuldig flaniert man in Gedanken versunken durch die Innenstadt, da wird man ganz plötzlich von einem Kleidungsstück im Schaufenster regelrecht „angesprungen“.  Dieses eine Stück – wie persönlich für einen selbst angefertigt!  Innerhalb weniger Sekunden erkennt man, dass das weitere Leben ohne dieses schöne Stück seinen Sinn verlieren könnte. Also betritt man wohl oder übel das Geschäft und nur wenig später kommt man mit vier, fünf Kleidungsstücken, von denen man noch ein paar Minuten zuvor nicht gewusst hatte, dass man sie dringend benötiget, wieder raus.
Begleitet von einem kurzfristigem Glücksgefühl samt Glückwünschen der Verkäuferin. Ja, die Stücke würden einem wirklich hervorragend stehen, sie betonen die Figur und die Farbe spiegelt sich in den Augen, einfach beeindruckend!

Spätestens zu Hause schlägt dieses kurzfristige Hoch in Skepsis um. Möglicherweise ist wirklich ein unverzichtbares Stück dabei, doch meist stellt sich auf den zweiten Blick heraus: So fantastisch, wie ich mir im Geschäft noch eingebildet habe, sehe ich in dem guten Teil gar nicht aus, die Farbe lässt sich nicht kombinieren, eigentlich ist die Passform auch nicht so wie sie sein sollte.
Dazu kommt das ungute Wissen darum, dass der günstige Preis nur auf Kosten von Umwelt, dritter Welt und regionaler Handelsstruktur zustande gekommen sein kann und dass das auch gilt, wenn der Preis gar nicht so günstig war.

Mir jedenfalls ist es immer wieder so ergangen. Für die schlecht kombinierbaren neuen Kleidungsstücke mussten dann kombinierbare angekauft werden, die schlecht sitzenden mussten ein trostloses Dasein im Kasten verbringen, es wurden neue, vermeintlich noch schönere Stücke erworben und für den bedeutenden Anlass war dann doch wieder nicht das richtige Teil dabei…

Irgendwie unbefriedigend und so habe ich – nach sehr reiflicher Überlegung – zu einer für mich doch relativ radikalen Maßnahme gegriffen: einer halbjährigen absoluten Kaufkarenz! Kompromisslos und ohne Joker. Eine echte Herausforderung. Dachte ich mir zumindest.

Und das ist in dem halben Jahr ohne Kleiderkauf passiert? Auf den ersten Blick: NICHTS!

  • Es ist mir leicht gefallen.
  • Ich bin nicht in Depressionen verfallen.
  • Keines meiner bisherigen Lieblingsgeschäfte ist in Konkurs gegangen.
  • Ich bin täglich korrekt gekleidet außer Haus gegangen.
  • War stets den Anlässen entsprechend gekleidet.
  • Und hab mich in dem, was ich anhatte, wohlgefühlt.

Auf den zweiten Blick hat sich doch ein bisschen was getan:

  • Ich habe ausgebleichte Kleidungsstücke gefärbt. Ich weiß, auch nicht optimal für die Umwelt, aber eine echt tolle Methode, um aus alt neu zu machen.
  • Ich habe viele meiner selten getragenen Kleidungsstücke umgenäht, so dass sie meinen Ansprüchen wieder gerecht wurden. So wurde aus manch einem „Kastenhüter“ ein neues Lieblingsstück.
  • Ich habe Kleidungsstücke aus dem Kasten geholt, die ich zwar irgendwann früher gern gehabt hatte, aber die dann wieder in Vergessenheit geraten waren. Und siehe da: Ich mochte sie immer noch. So stark hat sich die Mode ohnehin nicht verändert, besonders nicht, wenn man sich nicht von ihr diktieren lässt…
  • Ich habe neue Kombinationen ausprobiert, insbesondere was Accessoires wie Tücher und Schmuck anbelangt. Schließlich soll ja keine Langweile aufkommen! Und das hat mir Freude gemacht.

Insgesamt würde ich sagen: Ich habe meinem „Kleidungsbesitz“ viel achtsamer wahrgenommen, mich an dem erfreut, was ich habe, und das Gefühl gehabt, „genug zu haben“. In unserer „Geiz-ist geil“-Gesellschaft leider keine Selbstverständlichkeit!
Und ich habe erfahren, dass ein Ausstieg aus habituiertem Verhalten, neue, vorher nicht antizipierte Ergebnisse bringt.

Wie ich weitermache?

Da bin ich mir noch nicht so sicher. Ich möchte jedenfalls nicht wieder in diese Kaufspirale zurückfallen, in der ich mich vor meiner Kleiderkarenz befand. Aber ganz dem Konsum entziehen will ich mich vorerst auch nicht. Ich werde versuchen, meine Kaufentscheidungen bewusster zu treffen. Das heißt: mich nicht von aktuellen Befindlichkeiten leiten lassen , sondern gründlich überlegen, was ich haben will. Und vor allem: ich möchte mich auch weiterhin an diesem Gefühl erfreuen, mit dem zufrieden zu sein, was ich habe.
Denn eins weiß ich ganz sicher: Wenn ich merke, dass dieses schwindet, dann ziehe ich mich wieder in eine „Kleiderkauf-Karenz“ zurück!

Kimbie Humer-Vogl

Über Kimbie Humer-Vogl

Landtagsabgeordnete, stv. Klubobfrau, Bezirkssprecherin der Grünen Tennengau - Sprecherin für Gesundheit, Soziales, SeniorInnen, Inklusion, Ehrenamt, Religion


About the Author

Kimbie Humer-Vogl

Landtagsabgeordnete, stv. Klubobfrau, Bezirkssprecherin der Grünen Tennengau - Sprecherin für Gesundheit, Soziales, SeniorInnen, Inklusion, Ehrenamt, Religion



3 Responses to Ein halbes Jahr ohne Kleiderkauf

  1. Sabine Kober says:

    Ein sehr schöner Bericht!
    Ich kenne das nur zu gut!!
    Und Stimme dir völlig zu!!
    Herrlich zu lesen, man fühlt sich SOFORT „ertappt“…ganz lieben Dank…ich musste innerlich sehr schmunzeln 😉!

  2. Liebe Kimbie, ich finde es großartig und danke für die Veröffentlichung. Ich denke dass es ein super Denkanstoss für viele ist, die gedankenlos dem Shoppingwahn verfallen sind. Ich persönlich gehe sehr gerne auf Flohmärkte und verwende oftmals diverse Stoff oder ähnliches und motze auch damit meine Kleidung auf. Macht Spaß und man hat individuelle Kleidung :-). Sonnige Grüße Heidi

  3. Kimbie Humer-Vogl Kimbie Humer-Vogl says:

    Liebe Heidi,
    herzlichen Dank für Deinen ermutigenden und netten Kommentar, den ich erst heute gesehen habe!
    Ganz liebe Grüße Kimbie

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Back to Top ↑