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Veröffentlicht am 19. September 2016 | von Kimbie Humer-Vogl

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Sollen Menschen mit Demenz wählen dürfen?

Neuerdings wird von der FPÖ diskutiert, ob Menschen mit Demenz denn wahlberechtigt sein sollen. Ich arbeite seit fast 20 Jahren als Psychologin im Seniorenheim. Mir wäre nie in den Sinn gekommen, eine solche Frage auch nur zu stellen. Aber ich kann mir vorstellen, dass es auch viele Menschen gibt, die sich unter „Demenz“ wenig vorstellen können. Und deshalb möchte ich Euch hier auf eine kurze Reise in „mein“ SeniorInnenheim entführen:

Ein ganz normaler Dienstag im Seniorenheim

Wenn ich Frau Auer (alle Namen geändert!) am Gang treffe, klagt sie mir sofort ihr Leid: Niemand würde sie besuchen, auch ich nicht und das, obwohl ich es ihr versprochen hätte. Dass wir erst letzte Woche zusammen waren, dürfte sie vergessen haben. Macht nichts! Ich verspreche, am Nachmittag vorbeizuschauen. Ich werde sie dann wahrscheinlich wie so oft bei der Hausarbeit antreffen, denn zu tun gibt es jede Menge, wird sie mir sagen. Dann wird sie mir vermutlich – wie schon so oft – über ihre Schulzeit im Krieg erzählen, darüber wie das war, als ihr Mann so jung verstarb und über ihre abgöttisch geliebten Enkelkinder. Wir werden auf ihr Leben zurückschauen und resümieren, dass sie es gut gemeistert hat. Und wenn ich ihr dann am nächsten Tag wieder begegne, wird sie mir vorwerfen, dass ich sie nie besuche!

Frau Maier, immer adrett gekleidet und perfekt geschminkt, vergisst meine Besuche nie. Sie weiß immer, wann ich da war, wann ich wieder komme und sogar worüber wir geredet haben. Dafür gelingt es ihr einfach nicht ihre „sieben Sachen“ beinander zu haben. Immer ist etwas verschwunden, einmal die Brille, dann wieder die Lieblingskette oder die heißgeliebte Schokolade. An guten Tagen können wir darüber reden wie schwierig es ist, dass die kognitiven Fähigkeiten nicht mehr so sind wie in jungen Jahren, an schlechten Tagen beschuldigt Frau Maier das Pflegepersonal, ihr alles zu stehlen.

Frau Huber ist heute besonders aufgebracht. Sie hat ihre Bluse schief zugeknöpft und ihre Haare stehen zu Berge. Schon wieder habe man ihr kein Frühstück gebracht, es sei einfach schrecklich hier im Haus. Neulich habe sie sogar drei Tage lang nichts zu essen bekommen! Ich begleite sie in ihr Zimmer und wenig später sitzt mir eine zufriedene ältere Dame gegenüber, die mir Tipps für den Umgang mit Almkühen gibt. Denn zu Hause hätten sie einen Bauernhof gehabt und zu den „Viecherln“ sei ihr Draht besonders gut gewesen. Und Frau Huber freut sich, dass sie mir wieder mal weiter geholfen hat. Hat sie übrigens wirklich – ich habe ihre Kuh-Tipps ausprobiert und für gut befunden!

Ihr habt es bestimmt schon vermutet, diese drei Damen haben eine gemeinsame Diagnose: Demenz.

Vermutlich würde ein herkömmlicher Demenztest sogar ganz ähnliche Ausprägungswerte bei diesen drei Damen ergeben. Und das obwohl sie in ihren Fähigkeiten, Eigenschaften, Talenten und Schwächen unterschiedlicher nicht sein könnten.

Die umtriebige Frau Auer, die immer für jeden ein gutes Wort über hat, ist von früh bis spät beschäftigt, sei es mit kleinen Botengängen für andere, sei es mit dem eigenen Haushalt bzw. dem derer, die „das Ganze nimmer so auf die Reihe kriegen“ (O-Ton Frau Auer). Ehrlich gesagt: Würde Frau Auer nicht jedes Mal meine Besuche vergessen, ich wäre nie auf die Idee gekommen, dass sie eine Demenz hat. Nun vergisst sie aber nicht nur meine Termine, sondern eben auch alle anderen…

Frau Maier hingegen hat es sich zur Aufgabe gemacht, sich rührend um ihre Zimmernachbarin Frau Siller zu kümmern. Obwohl, die als „eher aggressiv“ bezeichnete Frau Siller seit Jahren kein Wort gesprochen hat, weiß Frau Maier genau, was der Dame guttut und was nicht. Für das Personal eine große Entlastung und die alte Dame dankt es ihr tagtäglich mit ihrem strahlenden Lächeln! Frau Maier selbst blüht bei dieser Aufgabe auf, dazwischen gibt es aber Phasen, wo auch sie für das Personal eine gewisse Herausforderung ist, nämlich eben dann, wenn schon wieder etwas verschwunden ist!

Frau Huber  hingegen lebt eher zurückgezogen, malt gerne und schreibt Gedichte. Ihr Zimmer verlässt sie nur wenn “Feuer am Dach“ ist, das heißt wenn sie vermutet, weder mit Medikamenten noch mit Nahrungsmittel versorgt worden zu sein. Und da kann sie schon mal ziemlich laut werden! Freundinnen im Haus hat sie übrigens noch keine gefunden, erzählt sie, die meisten Damen und Herren seien hier nämlich schon ziemlich dement!

Demenz – was ist das eigentlich?

Demenz darf man sich keineswegs wie einen dunklen Mantel vorstellen, der die betroffenen Menschen zur Gänze überdeckt und verändert. Ja, das Denken ist häufig erschwert, aber wenn man demenzkranken Menschen eine Umgebung bietet, die dazu da ist zu begreifen und nicht zu verwirren, dann lässt sich auch bei weit fortgeschrittener Erkrankung ein weitgehend selbstständiges und qualitätsvolles Leben führen.

Demenz darf man sich keineswegs wie einen dunklen Mantel vorstellen, der die betroffenen Menschen zur Gänze überdeckt und verändert.

Nur weil ich nicht mehr weiß, was es zum Mittagessen gegeben hat, heißt das noch lange nicht, dass ich mich nicht um die Blumen am Gang kümmern kann. Und nur weil ich es nicht mehr schaffe, ein Telefon zu bedienen, heißt das nicht, dass ich nicht stundenlang über Gott und die Welt diskutieren kann. Wer sich den Namen des Gegenübers nicht merken kann, verfügt möglicherweise immer noch über eine gehörige Portion Menschenkenntnis!

Dazu kommt, dass der Verlauf dieser Erkrankung sehr unterschiedlich ist. Mal geht der Abbau schneller, meist aber langsamer. Die meisten dementen Personen, die ich bis an ihr Lebensende begleitet habe, sind bei relativ guter kognitiver Orientierung verstorben. Das heißt sie konnten noch gut sprechen, wussten über sich selbst und ihre Bezugspersonen gut Bescheid und waren auch durchaus noch in der Lage über das Leben zu philosophieren.

Bei der letzten Stichwahl haben alle drei Damen gewählt

Gewählt haben übrigens alle drei Damen bei den letzten Durchgängen der Bundespräsidenten-Wahl. Ich weiß es, denn ich habe mit jedem der drei darüber gesprochen. Diese Gespräche waren nicht politisch motiviert, ich stelle routinemäßig immer wieder Fragen zu der Wahrnehmung außergewöhnlicher Ereignisse (z.B. Olympische Spiele, Katastrophen etc.), um die Orientierung der Menschen einschätzen zu können und letztendlich ihre Lebenswelt besser nachvollziehen zu können. Und ich war überrascht, wie klar ihre Aussagen zu den Bundespräsidentenwahlen waren.

Frau Auer hat ihr Leben lang die gleiche Partei gewählt. Klar, wen sie da im ersten Durchgang gewählt hat. Im zweiten hat sie dann den jüngeren der beiden gewählt. Denn der sei ihr sympathisch gewesen und außerdem hätte ihr Sohn den auch gewählt.

Frau Maier hat im ersten Wahldurchgang eine Frau gewählt, denn es sei Zeit für eine Frau an der Spitze des Staates. Im zweiten habe sie den Kandidaten mit der größeren Erfahrung gewählt. Wobei ich sie nicht nach dem Namen gefragt habe, ich kann daher nur vermuten, dass es der Ältere war.

Den hat Frau Huber beim zweiten Mal auch gewählt, weil grundsätzlich sind die Grünen ja für die Natur. Den ersten Wahlgang hat sie aufgrund eines Krankenhausaufenthaltes versäumt.

Betrachtet man die  Entscheidungskriterien, die die Damen herangezogen haben, genauer, so unterscheiden sich diese nicht von den Motiven der sogenannten „Normalbevölkerung“. Die Damen werden vermutlich auch bei der Stichwahlwiederholung ihrer Wahlpflicht nachgehen. Dass der Wahltermin näher rückt, werden sie ja über die Medien erfahren. Vielleicht wird die eine oder andere am Wahltag erinnert werden müssen, den Gang zur Urne anzutreten, vielleicht wird die eine oder andere nicht perfekt gekleidet dort erscheinen, und vielleicht wird die eine oder andere ihr Wahlgeheimnis noch vor Ort ausplaudern. Aber auch wenn sie möglicherweise in der Wahlkabine irgendetwas „falsch“ machen und ihre Stimme letztendlich ungültig ist, fiele mir kein Grund dieser Welt ein, diese drei Dame aufgrund ihrer Diagnose Demenz einfach von ihrem Staatsbürgerrecht auszuschließen. Immerhin haben sie in ihrem Leben schon so viele Wahlen bestritten, da werden sie auch diese meistern!

Daher wünsche ich mir sehnlichst, dass die Debatte darüber, wer denn aller von den Wahlen ausgeschlossen werden soll, an ihnen vorbei geht. Denn die Debatte erlebe ich als peinlich für unsere Gesellschaft und demütigend, verletzend und diskriminierend für die betroffenen Menschen! 

Und sie macht mir ehrlich gesagt auch Angst: Am Anfang waren es „die Behinderten“, jetzt kommen „die Dementen“. Wer ist als nächstes dran? Wehret den Anfängen!

 

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Kimbie Humer-Vogl

Über Kimbie Humer-Vogl

Landtagsabgeordnete, stv. Klubobfrau, Bezirkssprecherin der Grünen Tennengau - Sprecherin für Gesundheit, Soziales, SeniorInnen, Inklusion, Ehrenamt, Religion


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