Asyl

Veröffentlicht am 8. August 2016 | von Kimbie Humer-Vogl

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Allen Unkenrufen zum Trotz: Die Willkommens-Kultur lebt.

Vor einem halben Jahr habe ich an den Afrikanischen Rodelmeisterschaften teilgenommen. Mit nach Hause gebracht habe ich damals nicht nur einen Pokal, sondern auch jede Menge neuer Bekanntschaften mit Flüchtlingen aus Afrika. Es war ein Tag, der mich sehr berührt und bereichert zugleich hat. So habe ich ein bezauberndes Brüderpaar aus Marokko kennengelernt, das ihre erste Fahrt auf einem Sessellift voll Angst und Aufregung zugleich erlebt hat. Und einen Nuklearmediziner aus Libyen, für dessen Profession sich hier in Österreich bis dato kein Mensch interessiert hatte. Oder zwei 18-jährige Somalier die bereits nach acht Monaten in Österreich wirklich gutes Alltagsdeutsch beherrschten und mit denen ich zu Mittag gegessen habe. Dann waren da noch ein Äthiopier und ein Nigerianer, beide sehr gebildet, mit perfekten Umgangsweisen und fehlerlosem Englisch. Die Flucht lag hinter all diesen jungen Männern, das „Interview“ zur Feststellung des Asylstatus noch vor ihnen und alle sahen damals voll Zuversicht in ihre Zukunft in Österreich!

Wir sind in Kontakt geblieben, und auch gestern beim 8. Refugees-Welcome-Fest im Volksgartenpark sind wir zusammen gekommen. Wir haben die Erinnerungen an die unvergesslichen Rodelmeisterschaften hochleben und die letzten Monate Revue passieren lassen. Es waren bewegende Monate, geprägt auch durch schreckliche Terroranschläge in Europa, und einer dadurch proklamierten schwindenden Willkommenskultur in Europa.

Wie ist es meinen Freunden im letzten halben Jahr ergangen?

Erinnerung an die Afrikanische Rodelmeisterschaft

Erinnerung an die Afrikanische Rodelmeisterschaft

Zunächst zu meinen marokkanischen Freunden: Während einer der Brüder über gutes Englisch und veritables Deutsch verfügt, mag dem Anderen der Zugang zu einer fremden Sprache einfach nicht gelingen. Nur mit Hilfe von Ermias aus Eritrea können wir uns unterhalten. Die Brüder erzählen, dass sie nun schon ein Jahr in einem Großquartier weit außerhalb Salzburgs leben und dass sich dort die Konflikte unter den Ethnien mehren. Die marokkanischen Brüder haben – wenig überraschend -zwischenzeitlich einen ablehnenden Asylbescheid erhalten. Zurückgeschoben werden können sie nicht, freiwillig zurück wollen sie nicht. Und dass obwohl sie ihre Familie sehr stark vermissen. In Marokko gibt es weder Arbeit noch Zukunftshoffnung für sie. Ob es diese in Österreich gibt? Ich bezweifle es, will ihnen aber nicht die Hoffnung nehmen. Ich wünsche ihnen so sehr, dass sie es wenigstens aus dem Großquartier schaffen und irgendwo in der Stadt eine günstige Bleibe finden, wo sie mehr Privatsphäre und Abwechslung haben. Die Brüder sind arbeitswillig und –fähig, es ist zum Verzweifeln, dass sie zum Nichtstun verurteilt sind!

Mein äthiopischer und mein nigerianischer Freund, die ursprünglich im gleichen Quartier untergebracht waren wie die beiden Marokkaner, haben diesen „Sprung“ in die Stadt zwischenzeitlich geschafft. Sie scheinen in einer afrikanischen Community gut eingebettet, kommen finanziell irgendwie über die Runden und nehmen das doch vielfältige Angebot für Flüchtlinge in der Stadt Salzburg gerne in Anspruch. Dennoch: die Tage sind lang und das Warten auf das alles entscheidende „Interview“ zerrt doch an den Nerven. Dazu kommt die Frage, wie es in Österreich beruflich weiter gehen kann. Ihre Ursprungsberufe sind spezifisch, ihre Qualifikationen in Österreich schwer einsetzbar. Aber ihr besonnenes, fast intellektuelles Auftreten und ihre breite Bildung werden den beiden wohl viele Welten leichter erschließen als den Menschen, die nur sehr wenige dieser Ressourcen mitbringen.

Apropos Bildung!

Unser Nuklearmediziner hat inzwischen einen positiven Asylbescheid. Ich durfte ihn zum Interview begleiten und wurde Zeugin eines sehr fairen Verfahrens. Der nächste Schritt wäre nun die Nostrifizierung seines Medizinabschlusses. Kann ja kein Problem sein, diesen aus einer libyschen Ärztefamilie stammenden und in England und Libyen ausgebildeten Mann, denkt man sich. Man möchte meinen, dass wir einen wie ihn in Österreich doch sicherlich gut brauchen. Immerhin beklagen wir hier zu Lande einen besorgniserregenden Ärztemangel! Aber das AMS hat für einen Nuklearmediziner ganz andere Pläne: Denn Sprachniveau „B1 plus“ ist noch lange nicht ausreichend, um in Österreich als Arzt anerkannt zu werden. Ärztemangel hin oder her. Zuerst soll der Gute, der beim Asylverfahren mit Dutzenden Zertifikaten seine gute Integration in Österreich belegen konnte und der hier vermutlich schon mehr ehrenamtliche Arbeitsstunden vorweisen kann als so mancher Österreicher (für die ärztliche Versorgung der durchreisenden Flüchtlinge hat seine Qualifikation nämlich ausgereicht!), einen „Integrationskurs“ machen und danach soll er Taxifahren. Das ist einfach himmelschreiend! Aber auch diese Hürde wird er schaffen, davon bin ich überzeugt!

Kimbie SomalierWas wird aus den Begabungen?

Bleiben noch die beiden jungen Somalier. Ihr Deutsch ist noch besser geworden, sie reden fließend, und ohne nachzudenken, sogar der Konjunktiv kommt ihnen wie selbstverständlich über die Lippen! Wie schön wäre es, wenn meine Kinder nach einem Jahr schulischem Fremdsprachen-Unterricht sich auch so mühelos in dieser fremden Sprache unterhalten könnten wie diese beiden jungen Männer es bereits können. Mit einem der beiden bin ich sehr viel über die Sozialen Medien in Kontakt, das sei neben den drei Mal wöchentlich stattfindenden Deutschstunden der wesentliche Schlüssel zum Deutschlernen, erzählt er mir. So würde er sämtliche Nachrichten, Kommentare und Postings kopieren und auf google übersetzen lassen. Das habe sein Deutsch um ein Vielfaches verbessert. Er muss ein sehr begabter junger Mann sein, der es noch weit bringen könnte, denke ich.
Aber was wird mit seiner Begabung gemacht? Nichts. Der junge Mann zeigt mir eine Benachrichtigung, dass er nun auf der Warteliste für das Nachholen des Schulabschlusses sei (Übrigens ein gutes Angebot, das vielen Asylwerbenden in Salzburg Perspektiven bietet). Er gibt auch zu, dass er ab und an sehr verzweifelt ist, dass er immer nur wartet und wartet. Über Wasser hält ihn allerdings das Fitnesstraining, für das er immerhin monatlich sein halbes Taschengeld ausgibt (20 Euro). Das sei kein Problem, denn rauchen und trinken kommt bei so einem sportlichen Lebensstil eh nicht in Frage, erzählt er mir grinsend.

Wir haben uns über das Wiedersehen sehr gefreut, werden auch weiterhin in Kontakt bleiben und haben uns fix vorgenommen auch nächstes Jahr bei den Afrikanischen Rodelmeisterschaften dabei zu sein. Trotz der vielen Sorgen konnten diese jungen Männer den Nachmittag genießen, sie sind freundlich, fröhlich, friedlich und immer noch zuversichtlich.

Gelebte Willkommenskultur

Ich habe gestern im Volksgarten den ganzen Nachmittag keine Streiterei gehört und keine Rangelei gesehen. Dass mir auch keine Drogen angeboten worden sind, sage ich nur um den gängigen Klischees zu widersprechen. Auch als Frau fühlte ich mich in der Anwesenheit so vieler dunkelhaariger und teils auch dunkelhäutiger Menschen wohl und sicher. Keine Spur von den gern zitierten angeblichen „muslimischen Allüren“ wie „nicht-in-die-Augen-schauen“ oder „Handschlag-verweigern“. Und nicht nur mit meinen Freunden erging es mir so. Ich hatte beim gestrigen Fest keine Bedenken meinen Picknick-Korb unbeaufsichtigt auf der Picknick-decke liegen zu lassen oder meine blonden, hübschen Mädchen alleine herumlaufen zu lassen. Ganz im Gegenteil! Ein junger afrikanischer Mann hat mich und meine Kinder sogar abschließend zum Auto begleitet, um für unsere Sicherheit zu sorgen!

Refugees WelcomeIch habe auch gestern wieder viele neue Menschen kennen gelernt. Da waren Flüchtlinge dabei, mit denen ich bisher nur auf Facebook Kontakt hatte,. So zum Beispiel ein junger Afghane, der mit großer Begeisterung Deutsch lernt, sich die Prüfungsgebühren für die Deutschkurse teils vom Mund abspart und dessen Ziel es ist, Dolmetscher zu werden. Denn als gebürtiger Afghane hat er den Vorteil, die vielen verschiedenen Dialekte des Landes zu verstehen. Dafür „studiert“ er täglich bis zu sechs Stunden. Ich halte ihm die Daumen, dass dieser Fleiß belohnt wird.

…und dann sind da noch die HelferInnen

Aber es waren auch sehr viele freiwillige HelferInnen dabei. Menschen, die unermüdlich einen Großteil ihrer Freizeit „opfern“, um den Menschen die bei uns Zuflucht und Schutz suchen, das Gefühl zu geben, hier in Österreich willkommen zu sein. Menschen, die immer wieder auch privat tief in die Tasche greifen, um den zu uns gekommenen Menschen eine Zukunft in Österreich zu ermöglichen. Und darüber weder ein Wort verlieren, noch dafür eine Spendenbescheinigung brauchen. Menschen, die sich immer wieder neue kreative Wege einfallen lassen, wenn der Behördendschungel alle zum Verzweifeln bringt. Die nie darum verlegen sind, Tiefen und Rückschläge, die das Ankommen in Österreich erschweren, durch kleine Gesten der Aufmerksamkeit und Zuwendung zu erleichtern. Und deren Leben aber auch im Gegenzug durch diese Begegnungen mit den „Neuen ÖsterreicherInnen“ unglaublich bereichert werden.

Wenn „Alteingesessene“ und „Neu-ÖsterreicherInnen“ aufeinander zugehen

Refugees Welcome 2Medial wird gern von der eingangs zitierten „schwindender Willkommenskultur“ gesprochen, beim gestrigen Fest jedenfalls war nichts davon zu bemerken. Würde aus meiner Sicht auch wenig Sinn machen, denn die Menschen sind nun mal da, ob wir das wollen oder nicht. Da können wir uns selbst entscheiden, ob wir versuchen gemeinsam gut zu leben oder uns verängstigt vor „dem Unbekannten“ zurückziehen wollen. Was natürlich nicht heißt, dass es leicht zu verkraften wäre, wenn auch heuer so viele Menschen nach Österreich kämen wie im Vorjahr.
Aber bei allen die sich für ersteres entschieden haben, nämlich einem friedlichen Miteinander, möchte ich mich an dieser Stelle bedanken:
Das sind zum einen die „Neuen ÖsterreicherInnen“, die sich trotz der vielen Herausforderungen die das Ankommen in diesem Land mit sich bringt, nicht entmutigen lassen und die voll Vertrauen auf uns „Alt-Eingesessene“ zugehen und sich dem Abenteuer „Neue Heimat“ stellen.
Und das sind all die Menschen, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, den „Ankommenden“ den geeigneten fruchtbaren Boden zu bieten und uns vorleben, dass man Flüchtlingen auch ohne Angst begegnen kann.

Sie alle machen Österreich vielfältiger und sorgen dafür, dass es ein weltoffenes, friedliches Land bleibt!

(Das nächste Begegnungsfest im Volksgarten findet übrigens am Sonntag, den 4. September von 15 bis 19 Uhr statt!)

Kimbie Humer-Vogl

Über Kimbie Humer-Vogl

Landtagsabgeordnete, stv. Klubobfrau, Bezirkssprecherin der Grünen Tennengau - Sprecherin für Gesundheit, Soziales, SeniorInnen, Inklusion, Ehrenamt, Religion


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