Integration

Veröffentlicht am 7. März 2016 | von Kimbie Humer-Vogl

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Sport spricht alle Sprachen

Ich geb’s ja zu: Meine Begeisterung hat sich vergangenen Samstag in Grenzen gehalten, als nach einer arbeitsreichen Woche der Wecker um 7.00 Uhr läutete. Der Grund für das frühe Aufstehen: Die afrikanischen Rodelmeisterschaften.

Irgendwann im letzten Sommer hatte ich mein Kommen zugesagt, jetzt also war der Tag gekommen. Meine Teilnahme sah ich anfangs ja eher als Gag,  im Laufe der Zeit war mir jedoch immer klarer bewusst geworden, dass es auch Solidarität bedeutet zu meinen afrikanischen Wurzeln zu stehen. Denn obwohl ich eine „Weiße“ bin und meine Eltern selbst in Afrika Zugereiste waren, hat mein Leben auf diesem Kontinent begonnen und wurde bzw. wird hier in Europa fortgesetzt. So wie das Leben all jener anderen Menschen aus Afrika die jetzt, aus welchen Gründen auch immer, hier in Österreich leben.

Die Abfahrt war für 8.30 am Halleiner Bahnhof geplant, dass der Bus erst um 9.00 Uhr eintraf, hat mich wenig gewundert: Nicht in alle Kulturen hat Pünktlichkeit den gleichen Stellenwert wie bei uns ÖsterreicherInnen. Halb durchgefroren und nach herzlicher Begrüßung hab ich mich entschlossen, mein Schlafdefizit zu kompensieren und bin trotz afrikanischer Live-Musik erst in Rauris wieder wach geworden.

Etwas verloren stand ich am Parkplatz, keinen Plan habend, was als nächstes geschehen sollte. Es dauerte keine Minute bis ein dunkelhäutiger Mann auf mich zukam, sich vorstellte und mit mir ein Gespräch anfing. Ehrlich gesagt, ich hatte mich nicht gut auf dieses Event vorbereitet, hatte keine Ahnung wer die TeilnehmerInnen sein würden, konnte mich nur erinnern, dass von Delegationen und Diplomaten gesprochen worden war. Das perfekte Englisch meines Gesprächspartners deutete auf einen Diplomaten hin. Umso überraschter war ich, als Haci erzählte, dass er aus Sierra Leone stamme und derzeit im Flüchtlingsquartier Thalgau untergebracht sei. Englisch sei im Übrigen Amtssprache in Sierra Leone. Haci war mit seinen drei Freunden angereist, die sich nach wenigen Minuten zu uns gesellten.

Seine Freunde, das sind ein entzückendes marokkanisches Brüderpaar (Murat und Muhammed) und Moses, ein junger Christ aus Nigeria. Auch in Nigeria ist Englisch Amtssprache. Es sei nicht immer einfach in einem Großquartier zu leben, erzählt mir Moses, aber sie seien alle dankbar für die Hilfe, die sie in Österreich erhalten würden und zuversichtlich, dass sich ihr Schicksal hier zum Besseren wenden wird. Mein Angebot, ihnen englische Bücher zum Zeitvertreib vorbeizubringen, nahmen die vier Burschen mit großer Begeisterung an.

Nach einer aufregenden Sesselliftfahrt – für Murat und Muhammed aus Marokko, die allererste Fahrt! – trinken wir gemeinsam auf der Terrasse noch Tee, grün für die beiden Marokkaner, schwarz mit unheimlich viel Zucker für den Rest. Die Tafel Schokolade aus meinem Rucksack wird mit Begeisterung verzehrt, nicht aber ohne jedem, der sich zu uns gesellte, auch ein Stück davon anzubieten.

In der Zwischenzeit hatte sich auch Essam zu uns gesellt, ein Nuklearmediziner aus Libyen, der ebenfalls auf sein Asylverfahren wartet, allerdings in einem Privatzimmer in der Stadt Salzburg. Er sei nach Salzburg gekommen, um sich in Nuklearmedizin fortzubilden verrät er, doch während seiner Fortbildung sei klar geworden, dass es kein Zurück mehr für den ehemaligen Friedensaktivisten geben würde. In Libyen wartet ein Haftbefehl auf ihn. Meine Ansicht, dass er doch hier in Österreich als Arzt ein willkommener Gast sein müsste, kostete ihn ein müdes Lächeln. In Wien, so meint er, gäbe es ungefähr 200 syrische Ärzte. Der österreichische Ärztemangel ließe sich möglicherweise so in den Griff kriegen. Und komme zu dem Schluss, dass eh eher nicht die Sorge darüber ist, dass in Syrien die Ärzte fehlen, die gegen beschleunigte Asyl- und Nostrifikationsverfahren sprechen, sondern offensichtlich die Gleichgültigkeit gegenüber den Schicksalen einzelner Menschen.

Bisher habe sich niemand vom Asylverfahren dafür interessiert, dass er Arzt sei, geschweige denn, dass er freiwillige Dienste am Bahnhof und in der ASFINAG versehen habe, erzählt Essam weiter. Die Nostrifizierung sei schwierig. Man wolle Originaldokumente, die aufgrund seines Status in Libyen nur schwer zu bekommen seien. Trotzdem strahlt er große Zuversicht aus, er müsse ohnehin noch besser Deutsch lernen: Die B1-Prüfung habe er bereits geschafft, aber für B2 müsse er wohl einen Kurs besuchen und dieser würde 450 Euro kosten. Ich erspare mir die Frage, wie er dieses Geld denn als Grundversorgungsempfänger auftreiben soll. Die Rodelmeisterschaften sollen ja auch als eine Auszeit und Abwechslung von den alltäglichen Sorgen dienen.

Beim Mittagessen werde ich dann von zwei somalischen Jungs „adoptiert“, aus Dankbarkeit darüber, dass ich die 60 Cent für ihre zusätzliche Semmel und einen Euro für ihren Faschingskrapfen bezahle. Dass die beiden 18-Jährigen jeden Extrabissen gut brauchen können, ist ihnen deutlich anzusehen. Wir unterhalten uns in Deutsch, denn obwohl die beiden erst seit acht Monaten hier sind, ist ihr Deutsch schon ausgezeichnet. Über ein Jahr waren sie von Somalia nach Österreich unterwegs, erzählen sie, die letzten vier Tage ohne eine Minute Schlaf. Wie hart muss es sein, in so jungen Jahren so ganz auf sich allein gestellt zu sein! Als ich später erfuhr, dass eine gemeinsame Bekannte sich um die beiden kümmert, war ich sehr erleichtert!

Nach dem Essen dann die ersten Versuche auf der Rodel. Ständig ist einer meiner neuen Freunde um mich herum. Sie passen auf meine Sachen auf, besetzen mir einen Platz, schauen, dass ich nichts vergesse und fragen mich nach meinem Befinden. Ich bin aufgeklärt genug um zu wissen, dass es da auch um ein respektvolles Verhalten gegenüber „alten Menschen“ geht. Denn mit meinen knapp 45 Jahren mag ich mich noch jung fühlen, für diese Menschen bin ich aber eben schon eine ältere Respektsperson. Trotzdem habe ich ihre Aufmerksamkeit genossen und mich gleichzeitig fremdgeschämt für all jene Menschen, die so gehässig über die zu uns geflohenen Menschen sprechen!

Das Rodeln hat allen Riesenspaß gemacht und die Tatsache, dass auf Kunstschnee geroldet wurde, hat für viel Staunen gesorgt. Während ich auf meinen Start wartete, hatte ich viel Zeit auch noch andere Teilnehmer kennen zu lernen. Menschen aus Dschibuti, Ghana und Kamerun zum Beispiel. Die TeilnehmerInnen waren teils aus Linz und Wien angereist, teils sind sie schon mehrere Jahre hier und Österreich ist für sie offensichtlich zur zweiten Heimat geworden. Manche haben noch Kontakt zu ihrer Heimat, so wie der Salzburger Busfahrer und Musiker Sally Goldenboy, der in seiner Heimat Ghana ein Schulprojekt leitet. Für andere, wie etwa den Tagessieger Manu Aliyou, ist es zu gefährlich wieder in seine alte Heimat zu reisen. Obwohl Manu erst seit acht Jahren in Österreich lebt, hört man schon österreichischen Akzent in seiner Aussprache, was aber nicht damit zusammenhängt, dass er mit einer Österreicherin verheiratet ist. Denn die beiden sprechen miteinander Französisch, seine Frau spricht mit den Kindern ebenfalls Französisch, Manu seine Stammessprache, mit den Schwiegereltern wird Deutsch gesprochen. Manu kann außerdem fließend Chinesisch, Manu und ich unterhalten uns abwechselnd in Englisch und Deutsch…

Womit wir wieder beim Anfang wären: Sport spricht alle Sprachen. Und lässt alle sprachlichen und kulturellen Hindernisse überwinden. Das hat Erwin Himmelbauer schon vor Jahren erkannt und seither sprudelt er unaufhörlich vor Ideen und setzt diese auch um.

Und in Zeiten wie diesen ist das wichtiger denn je. Deshalb, liebe Marion, lieber Erwin, lieber Thomas: Herzlichen Dank für einen wunderbaren Tag mit vielen berührenden, wohltuenden und wertschätzenden Begegnungen!

Diesen Artikel gibt’s auch in englischer Sprache. 

 

Kimbie Humer-Vogl

Über Kimbie Humer-Vogl

Landtagsabgeordnete, stv. Klubobfrau, Bezirkssprecherin der Grünen Tennengau - Sprecherin für Gesundheit, Soziales, SeniorInnen, Inklusion, Ehrenamt, Religion


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