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Veröffentlicht am 29. September 2015 | von Kimbie Humer-Vogl

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Von Afrika nach Europa. Geschichte eines Neuanfangs.

Neulich auf der Heimreise von Linz im Zug: Neben mir eine Flüchtlingsfamilie. Zwei Vorschulkinder sitzen auf dem Schoß ihrer Eltern, schauen sich auf dem Handy Videosequenzen an, jausnen, lachen, erzählen. Ich weiß weder, warum diese Familie auf der Flucht ist, noch, was sie auf der Flucht erlebt haben. Doch die sichtbare Zuversicht und das Vertrauen der Kinder in den Weg ihrer Eltern rührt mich zutiefst. Und erinnert mich an meine eigene Kindheit.

Kindheit in Südafrika

Ich wurde 1971 in Südafrika geboren. Trotz „ausländischer Eltern“ habe ich einen Südafrikanischen Pass bekommen, denn die Republik Südafrika lebt den Grundsatz „Alle Kinder sind unsere Kinder“. In meinen Dokumenten finden sich Vermerke, dass ich „Angehörige der weißen Rasse“ bin – in Südafrika herrschte bis in die 1990er Jahre das Apartheid-System. Alle Lebenschancen hingen davon ab, zu welcher der drei Rassen man zugerechnet wurde.
Meine eigenen Erinnerungen an das Apartheid-System sind unspektakulär. Ich war noch zu jung, um die uns „Weißen“ zugedachten Privilegien zu hinterfragen und so empfand ich es als „normal“, nur ganz wenige Berührungspunkte zu Menschen mit anderer Hautfarbe zu haben. In meiner Erinnerung sind die Jahre in Südafrika unbeschwert und glücklich.
Meine Eltern beobachteten die zunehmenden Rassenunruhen allerdings mit wachsender Sorge – 1976 kamen bei SchülerInnen- und StudentInnenunruhen in Soweto bis zu 1.000 Menschen ums Leben (vielleicht erinnert sich der eine oder die andere noch an den Film „Schrei nach Freiheit“) .

Und so kam es, dass ich meinen sechsten Geburtstag im Flugzeug auf dem Weg nach England feierte. Dieser Reise war eine eher unruhige Zeit vorangegangen. Auch andere Familien aus unserem Freundeskreis hatten sich zum Aufbruch entschlossen, es gab viele Abschiede, Haus und Auto mussten verkauft werden, und wir Kinder mussten uns entscheiden: Welche Spielsachen nehmen wir mit, welche müssen wir zurücklassen?
Allerdings war das die einzige Entscheidung, die wir selbst treffen durften. Ansonsten folgten wir unseren Eltern mit der gleichen Zuversicht und dem gleichen Vertrauen, wie die Kinder, die heute mit ihren Eltern ihre Reise von Afrika nach Europa antreten!
Die Reise in unsere neue Zukunft war für uns Kinder sehr verwirrend. Während sich mein Vater gleich nach Österreich aufmachte, um alles für den Familiennachzug vorzubereiten, verbrachten wir die erste Zeit allein mit unserer Mutter in England. Dort gab es ein herzliches Hallo und jede Menge Verwandte, die wir nie zuvor gesehen hatten. Für unsere Verhältnisse war es Anfang April ausgesprochen kalt. Aber zumindest die Sprache konnten wir!

„Puppe“ war das einzige deutsche Wort, das ich kannte

Auch in Österreich erwartete uns allerhand Verwandtschaft, reden konnten wir allerdings nicht mit ihnen. Meine Eltern waren nach Südafrika gezogen, um dort zu bleiben. Daher lernten wir Kinder auch kein Deutsch. „Puppe“ war das einzige deutsche Wort, das ich kannte, als wir in Österreich ankamen. Vielleicht auch auf Grund der Tatsache, dass keinerlei Verständigung mit meiner neuen Verwandtschaft möglich war, wurde viel gekocht. Liebe geht ja bekanntlich durch den Magen!
Einige der Speisen, die wir in Österreich anfangs „vorgesetzt“ bekamen, waren aus der Sicht von uns Kindern ausgesprochen eigenartig. Während meine Schwester sofort beschloss, die österreichische Küche nicht anzurühren, war ich mutiger. Aber ich kann mich noch gut erinnern, wie entsetzt ich war, als mir Erdbeerknödel serviert wurden. „Die müssen ja spinnen die ÖsterreicherInnen“ dachte ich mir damals. Ich hatte ja keine Ahnung, wie sehr ich diese Küche und auch meine Großmutter, die ich mit sechs Jahren erstmals kennen lernte, später einmal lieben würde…
Auch meine neue Heimatstadt gefiel mir vorerst nicht: Ich empfand sie als staubig und hässlich. Unsere neue Wohnung war ziemlich spartanisch eigerichtet, möbellos und karg. Geldtransaktionen von Südafrika ins Ausland waren aufgrund des Wirtschaftsboykottes gegen Südafrika nicht möglich. Wie hart es für meine Eltern gewesen sein muss, in Österreich diesen völligen Neuanfang zu starten, kann ich auch heute nur erahnen.

Wir Kinder gingen dann erstmal in den Kindergarten. Für mich ein ziemlicher Rückschlag, war ich doch in Südafrika schon zur Schule gegangen. Meine Schwester und ich fanden schnell heraus, dass die überforderten KindergärtnerInnen für ein paar Tränen rasch zur Zuckerldose greifen und so wurden wir erstmals ordentlich verwöhnt.
Schon bald sollte mein erster Schultag kommen. Und es kam, wie es zu befürchten war: Ich verstand immer noch kein Wort Deutsch! Zwar hatte ich schon jede Menge FreundInnen in der Umgebung gefunden, aber bislang hatte es niemanden gestört, dass ich nur Englisch. Beim Spielen war das nicht wichtig!

„Du Protestantin – raus da!“

Von da an ging es aber mit unserer „Integration“ in Riesenschritten voran. Ich lernte in Windeseile Deutsch, meine Schwester etwas gemächlicher, aber sie war ja noch im Kindergarten. Meine Mutter kämpft übrigens bis heute mit der deutschen Grammatik…
Wir sind überall auf Hilfsbereitschaft und Freundlichkeit gestoßen. Mein Vater hat über den Sport – er war unter anderem ein ziemlich guter Squashspieler – rasch einen großen Freundeskreis gefunden, wodurch unser soziales Leben unheimlich bereichert wurde. Und meine Mutter hat nicht lange gebraucht, um in einer englischsprachigen Community Fuß zu fassen. Besonders in Erinnerung ist mir noch das Erbe einer uns völlig unbekannten “Tante Gusti“, das uns vermacht wurde. Plötzlich hatten wir wieder jede Menge Möbel im Haus und auch ein Stoffhund war dabei, der mir für viele Jahre ein treuer Begleiter wurde.
Spätestens im Gymnasium war mir Österreich zur neuen Heimat geworden und ich habe auch weiterhin all meine Bemühungen darauf konzentriert eine „echte“ Österreicherin zu werden. Zwar gab es den einen oder anderen Rückschlag, wie etwa unzählige Situationen, in denen ich ob meines eigenartigen Vornamens ausgelacht wurde oder die Aufforderung des katholischen Vikars „Du Protestantin – raus da!“. Aber es gab auch Vorteile: Auf Englisch-Schularbeiten musste ich nie lernen und während die anderen Religionsunterricht hatten, hatte ich frei. Spätestens als meine Englisch-Lehrerin anfing, meine Englisch-Aussprache zu korrigieren, war aber klar: Ich bin am Ziel, ich bin eine echte Österreicherin!

Erst im Studium und vor allem danach, als ich im Gehörlosenbereich tätig war, wurde mir klar, wie wertvoll es ist, zwei verschiedene Sprachen samt zugehöriger Kulturen zu kennen. Wer gewöhnt ist zwischen zwei Kulturen zu “wandeln“, erwirbt eine besondere Sensibilität für kulturelle Nuancen und andere Kulturen werden als Bereicherung und nicht als Gefahr erlebt. Was mir durch meine eigene Erfahrung klar wurde, ist: Auch zwischen zwei Kulturen ist es möglich eine eigene Identität zu erwerben. Und: Egal wie viele „Fremde“ nach Österreich kommen, ich fürchte nicht um meine Identität, im Gegenteil. Ich freue mich darauf, dass es noch mehr Vielfalt geben wird!

Gemeinsam schaffen wir das!

Ich habe meine eigene, sehr persönliche Geschichte erzählt, weil ich dankbar dafür bin, dass ich in Österreich vor vielen Jahren mit offenen Armen empfangen wurde. Menschen haben damals mit uns ihre Freizeit, ihr Wissen und sogar ihr Erbe geteilt! Ich habe so gut wie nie Ausgrenzung und Intoleranz erlebt und ich durfte meinen Lebenstraum verwirklichen. Ich habe studiert, ich habe eine Familie gegründet und ich habe einen Beruf, der mich erfüllt.
Allerdings lässt sich die Geschichte eines Neuanfangs aus der „historischen Perspektive“ viel zuversichtlicher darstellen als vom Ausgangspunkt. Aber ist genau diese Zuversicht, die ich allen Menschen wünsche, die jetzt in Europa um Asyl bitten. Der Neuanfang wird schwierig sein, der Weg zurück in ein glückliches Leben wird sicher holprig sein, aber es kann gelingen!
Und an alle Kinder, die nun bei uns in Europa ankommen, habe ich noch eine Bitte: Passt auf den kulturellen und sprachlichen Schatz, den ihr aus eurer Heimat mitbringt, auf! Dieser ist etwas sehr Besonderes, ihr könnt stolz drauf sein. Integration heißt nicht , die eigene Herkunft aufzugeben, sondern heißt aus „alten“ und „neuen“ Lebenserfahrungen neue Vielfalt wachsen zu lassen!
Und zum Schluss möchte ich noch all jenen Menschen Zuversicht spenden, die angesichts der vielen Menschen, die jetzt aus der Fremde zu uns kommen, verzweifelt fragen: Wie soll die Integration bloß gelingen? Ich denke so wie bei mir – teilen wir unsere Zeit, unser Wissen und unseren Überfluss und schauen wir, was passiert. Ich bin zuversichtlich, dass wir das gemeinsam schaffen!

Kimbie Humer-Vogl

Über Kimbie Humer-Vogl

Landtagsabgeordnete, stv. Klubobfrau, Bezirkssprecherin der Grünen Tennengau - Sprecherin für Gesundheit, Soziales, SeniorInnen, Inklusion, Ehrenamt, Religion

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