Sozial & gerecht

Veröffentlicht am 21. April 2015 | von Kimbie Humer-Vogl

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„Leichter Lesen“ – ein Tool für barrierefreie Kommunikation

Hört man das Wort „Barrierefreiheit“, so assoziiert man das gerne mit Rollstuhlrampen, abgeschrägten Gehsteigkanten oder Treppenliften. Vielleicht auch noch mit Blindenleitsystemen oder Induktionsschleifen.

Dass aber auch geschriebene Texte große Barrieren darstellen können, daran denken wohl die wenigsten!

Sollten wir aber! Denn die Tatsache, dass 25 Prozent der SchulabgängerInnen in Österreich große Schwierigkeiten beim sinnverstehenden Erfassen geschriebener Texte haben, ist ja spätestens seit dem katastrophalen Abschneiden Österreichs bei der letzten PISA-Studie kein Geheimnis mehr.

Tatsächlich gibt es Schätzungen, die davon ausgehen, dass zwei Millionen Österreicher und ÖsterreicherInnen nicht wirklich lesen können.

Wer sind diese Menschen?

  • Zunächst fallen darunter die ca. 25 Prozent SchulabgängerInnen, die trotz Abschluss der Pflichtschulzeit, keine altersgemäße Lesekompetenz erreicht haben.
  • Dann gibt es eine erhebliche Anzahl an Menschen mit nicht-deutscher Muttersprache, die große Schwierigkeiten mit dem Lesen deutscher Texte haben. Insgesamt haben 12 Prozent der Bevölkerung in Österreich eine andere Muttersprache als Deutsch.
  • Unter der Gruppe mit nicht-deutscher Muttersprache finden sich im Übrigen auch 9100 gehörlose bzw. hochgradig schwerhörige Menschen, deren Muttersprache die Gebärdensprache ist. Auch diese sprachliche und kulturelle Minderheit hat ausgesprochen große Schwierigkeiten beim sinnerfassenden Lesen von deutscher Schriftsprache. Es ist eher die Ausnahme als die Regel, dass gehörlose Menschen gut Deutsch lesen können.
  • Auch Menschen, bei denen eine dementielle Entwicklung vorliegt, verlieren ihre Lesekompetenz. Immerhin sind das in Österreich derzeit ca. 11.500 Menschen.
  • Auch schwere psychische Erkrankungen erschweren den Betroffenen das Erfassen von Texten. Etwa 80.000 ÖsterreicherInnen [1] – das ist rund ein Prozent der Bevölkerung – weisen psychische Behinderungen auf.
  • Und „last but not least“ gibt es die Gruppe der Menschen mit Lernschwierigkeiten, denen das Lesen schwer fällt. Im Bundesland Salzburg leben schätzungsweise 3.600 Menschen mit Lernschwierigkeiten.

„Niemand gibt gerne zu, dass er etwas nicht versteht“

Vielleicht löst diese hohe Zahl an Menschen, die nicht gut lesen können, Verwunderung oder sogar Ungläubigkeit im Sinne von „das kann doch nicht sein, das müsste ich doch merken!“ aus.

Stellt sich nur die Frage, woran man es merken soll. Keiner gibt gerne zu, dass er oder sie etwas nicht versteht. Oftmals geht das mit großen Schamgefühlen einher.

Wenn aber trotz zahlreicher schriftlicher Aufforderungen, die Kindern nicht mit dem Auto in die Schule zu fahren, etliche Eltern auch weiterhin konsequent ihre Kinder täglich mit dem Auto vor dem Schultor absetzen; wenn Formulare immer wieder nur mangelhaft retourniert werden; oder wenn schriftliche Angebote nicht und nicht angenommen werden,liegt es nahe, dass es hier vielleicht ein Verständnisproblem geben könnte!

Zugang zu Information ist allerdings ein Menschenrecht! Allen Menschen müssen Informationen zugänglich gemacht werden, damit sie ihre Rechte wahrnehmen können, über ihre Pflichten Bescheid wissen und eine Orientierung erhalten. Nur so ist ein Leben in Selbstbestimmung möglich!

„Leichter Lesen“ – Was ist das?

Und genau hier kommt „Leichter Lesen“ ins Spiel. Mit dem Zusatz „Leichter Lesen“ (Abkürzung LL) werden Texte in einfacher Sprache bedacht. Diese Texte richten sich an Menschen mit einem Sprachniveau zwischen A1 und B1 laut dem  gemeinsamen Europäischen Referenzrahmen für Sprachen[2]. Professionelle Anbieter von Texten in „Leichter Lesen“, wie zum Beispiel die Firma „Capito – Barrierefreie Information“, versehen ihre Texte in der Regel mit den Zusätzen A1, A2 oder B1, um ihre Zielgruppe noch weiter zu präzisieren.

  • Die Stufe A1 steht für die am leichtesten verständliche Stufe. Verwendet werden nur bekannte Wörter, besonders kurze Sätze (5-7 Wörter) und eine sehr einfache Grammatik. Die Information wird auf den wichtigsten Kern reduziert.
  • Informationen in A2 ermöglichen es den Leserinnen und Lesern, sich mit einem bestimmten Thema so zu beschäftigen, dass die wesentlichen Inhalte verstanden werden. Zum Beispiel: Einen Bescheid oder eine Anweisung lesen, verstehen und danach handeln können. (Satzlänge: 10-12 Wörter)
  • Informationen in B1 bauen auf das Vorwissen oder den Wortschatz geübter AlltagsleserInnen auf. Sie vermeiden aber „Fachchinesisch“ und „Juristendeutsch“. Sie sind daher überall dort hilfreich, wo es darum geht, „Nicht-Fachleute“ zu informieren, oder wenn sichergestellt werden soll, dass die Mehrheit der Bevölkerung tatsächlich erreicht wird.

Die weiteren Sprachstufen sind:

B2 – Selbständige Sprachverwendung

C1 – Fachkundige Sprachkenntnisse

C2 – Annähernd muttersprachliche Kenntnisse

Wer nun glaubt, man kann von der Bevölkerung eines Landes eine Sprachkompetenz von C2 in der Landessprache erwarten, irrt gewaltig. Laut „Spaß am Lesen“-Verlag, verstehen 65 Prozent der Bevölkerung in Deutschland keine Texte, die schwieriger sind als B1! Der Verlag hat sich daher auf Texte spezialisiert, die ein Sprachniveau zwischen A2 und B1 haben und für 95 Prozent lesbar sind.

Wie wichtig reduzierte Sprachniveaus sind, zeigt auch dieses Beispiel: 68 Prozent des Materials in Firmen oder Behörden ist in C1 verfasst. Dieses Niveau verstehen allerdings nur 5 Prozent der Bevölkerung!

Will man also, dass möglichst viele Menschen die Information verstehen, die man verbreiten möchte, macht es Sinn diese Information (zusätzlich) in Leichter Sprache abzufassen. Deshalb stellen die Grünen Wahlkampfmaterial auch immer zusätzlich in Leichter Sprache zur Verfügung.

Mir ist es wichtig, dass möglichst viele Menschen Zugang zu verständlicher Information aus dem Landtag bekommen. Medien und Fernsehen berichten meist nur über einen Bruchteil der Verhandlungen und die Landeskorrespondenz entspricht mit Sicherheit einem Niveau über B1.

Deshalb habe ich einen Antrag auf barrierefreie Kommunikation in Leichter Lesen aus dem Salzburger Landtag gestellt. Dieser Antrag wird am 22. April 2015 im Landtag behandelt.

Seit Oktober 2014 berichte ich unter dem Titel „Politik ohne Barrieren“ auf der GRÜNEN Homepage aus dem Landtag in Leichter Sprache. Unter diesem Link finden sich Berichte über Plenumssitzungen, Ausschussberatungen, Tätigkeit von Landtagsabgeordneten, Informationen über die Geschäftsordnung, sowie Zusammenfassungen von Gesetzen in Leichter Lesen.

Ich hab mir „Leichter Lesen“ in erster Linie durch beharrliches Üben beigebracht, wobei meine Texte vermutlich zwischen A1 und A2 schwanken. Durch meine LL-Übersetzungstätigkeit habe ich selbst auch profitiert. Reduziert man unsere Landtagsarbeit auf das Wesentliche, ergibt sich oft ein ganz anderes Bild, als wenn man die gesamte Spannbreite der gegebenen Informationen zu verarbeiten versucht.

Ich kann nur jedem empfehlen, sich selbst in Leichter Sprache zu üben! 

Und hier noch ein paar Tipps zum Gebrauch Leichter Sprache:

Empfehlung Beispiel
Einfache Wörter benutzen erlauben   statt   genehmigen
Auf Fach- und Fremdwörter verzichten Arbeitsgruppe   statt   Workshop>für schwierige Wörter kann im Anschluss an den Text ein Wörterbuch zusammengestellt werden.
Immer die gleichen Wörter verwenden Nicht zwischen Tablette  und  Pille wechseln
Kurze Wörter verwenden Bus   statt   Omnibus>Lange Wörter kann man unterteilen:z.B: Bundes-Gleichstellungs-Gesetz
Keine Abkürzungen Zum Beispiel   statt   z.B.
Verben statt Hauptwörter benutzen >Wir wählen morgen<  statt>Morgen ist die Wahl<
Aktive Wörter Wir wählen   statt   wird gewählt
Kein Genetiv >Das Haus von dem Politiker <  statt>das Haus des Politikers<
Konjunktiv vermeiden >vielleicht wird es morgen regnen<  statt >morgen könnte es regnen<
Verneinungen vermeiden >Peter ist krank<  statt>Peter ist nicht gesund<
Keine hohen Zahlen oder Prozente Viele Menschen   statt   3768 MenschenEinige   statt  14 %
Ziffern sind leichter als Worte Also: 5 Frauen
Datum ausschreiben 31.März 1971
Sonderzeichen vermeiden Oder erklären!
Am Satzanfang darf stehen: oder, wenn, weil, und, aber >Und wir waren im Zoo<
LeserInnen persönlich ansprechen >Sie können morgen wählen<
Keine Fragen im Text
Hinweise im Text vermeiden, und wenn trotzdem gut hervorheben In Beitrag XY steht mehr dazu
Texte dürfen bei „Übersetzungen“ verändert werden man darf: erklären, Hinweise geben, Beispiele ergänzen, die Reihenfolge verändern, unwichtige Textteile weglassenInhalt und Sinn müssen aber stimmen!
Einfache Schrift benutzen Arial, Verdana, Tahoma,…
Große Schrift verwenden Bei Arial Schrift-Größe 14
Abstand 1,5 facher Zeileabstand ist gut
Immer linksbündig schreiben
Jeder neue Satz in eine neue Zeile
Zeilen und Absätze immer vollständig auf einer Seite lassen Zusätzlich: jedem Absatz eine Überschrift

 

[1] Diese Zahl geht auf eine Schätzung von Johannes Wancata von der Wiener Universitätsklinik für Psychiatrie am AKH zurück.

[2] www.europaeischer-referenzrahmen.de

Kimbie Humer-Vogl

Über Kimbie Humer-Vogl

Landtagsabgeordnete, stv. Klubobfrau, Bezirkssprecherin der Grünen Tennengau - Sprecherin für Gesundheit, Soziales, SeniorInnen, Inklusion, Ehrenamt, Religion

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