Gleichbehandlung

Veröffentlicht am 25. Januar 2015 | von Kimbie Humer-Vogl

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Gebärdensprache soll Unterrichtssprache werden

Meinen Facebook-FreundInnen ist es schon aufgefallen: Ich habe ein neues Profil-Bild (siehe auch Bild oben). Darauf bin ich jetzt mit einer Sprechblase abgebildet in der steht: 

Kinder haben Rechte: ÖGS als Unterrichtssprache!

Eh klar, dass nur „Eingeweihte“ wissen, was das bedeuten soll. Und deshalb habe ich jetzt diesen Blogbeitrag dazu geschrieben.

Es geht bei dieser Aktion um gehörlose Kinder. Und ÖGS steht für Österreichische Gebärdensprache. ÖGS ist die Muttersprache von Gehörlosen.

Bevor wir dazu kommen, warum gehörlose Kinder, deren Eltern meist hörend sind und die Lautsprache des entsprechenden Landes sprechen eine andere Sprache als ihre Eltern zur Muttersprache haben können, noch ein bisschen Hintergrundinformation:

Gehörlosigkeit kann nämlich aus zwei unterschiedlichen Perspektiven gesehen werden:

  • Die pathologische Perspektive sieht Gehörlosigkeit als ein Symptom einer medizinischen Diagnose, die den Grad der Beeinträchtigung festlegt.

  • Im Gegensatz zu dieser defizitären Bewertung von Hörbeeinträchtigung, steht eine soziokulturelle Perspektive, die Gehörlosigkeit mit der Zugehörigkeit zu einer kulturellen und sprachlichen Minderheit gleichsetzt.

In Österreich leben ca. 8.000 gehörlose Menschen.

Wenn man sich an die Menschenrechtskonvention der UN1 hält, muss man es dem/der gehörlosen Person selbst überlassen zu entscheiden, welche Sprache seine/ihre Muttersprache ist.

Verwehrt man gehörlosen Menschen das Erlernen der Gebärdensprache nicht, so wird sie meist besser beherrscht als die Lautsprache und auch am meisten verwendet. 

  • Die Gebärdensprache lässt sich vom gehörlosen Kind -was die Wahrnehmungsfähigkeit betrifft – „unbehindert“ erwerben.

  • Die gesprochene Sprache hingegen, kann nur „künstlich“ und unvollständig erworben werden. Die dadurch eingeschränkte Sprachfähigkeit führt so von Beginn an zu einer fortlaufenden Einschränkung. Wissen kann über den defizitären Wahrnehmungskanal „Hören“ und Lippenlesen eben nur eingeschränkt und zeitaufwändig vermittelt werden.

  • Die Gebärdensprache hingegen kann als „Denkbasis“ fungieren, die das Erlernen der Sprachkompetenz in der Zweitsprache Deutsch samt den dazugehörigen Grundfähigkeiten Kommunizieren, Lesen, Schreiben, und Problemlösen erleichtert und sich so positiv auf die Schulleistungen auswirkt.

  • Alle geistigen Prozesse wie Begriffsbildung, Abstraktionsvermögen, Gedächtnisleistung, innere Sprache und sprachliches Denken können sich mit Hilfe der Gebärdensprache ganz natürlich und vor allem altersgemäß entfalten.

  • Auch der Wortschatz nimmt wesentlich schneller zu, was wiederum bessere Ableseleistungen für die Lautsprachentwicklung mit sich bringt. Es ist unter GehörlosenpädagogInnen bekannt, dass sich gehörlose Kinder gehörloser Eltern unvergleichlich besser entwickeln als gehörlose Kinder hörender Erwachsener.

Da gehörlose Kinder aber in der Regel in einer hörenden Welt aufwachsen, liegt es auf der Hand, dass für gehörlose Kinder eine bilingualen Erziehung, die auf die Beherrschung beider Sprachen (der Gebärdensprache und der Lautsprache) abzielt, ideal ist. Wobei die Wertigkeit von Gebärden und Lautsprache gleichzusetzen ist.

Da es sich nicht um zwei gleichartige Sprachsysteme handelt, muss eine weitere Aufschlüsselung der zu erlernenden Sprachen erfolgen. Im bilingualen Ansatz werden vier verschiedene sprachliche Formen repräsentiert:

1. die Gebärdensprache

2. die Schriftsprache

3. die gesprochene Sprache

4. die lautsprachbegleitende Gebärde (LBG)

Jede dieser Formen hat einen bestimmten Stellenwert, die ich hier ganz kurz beschreiben möchte: 

  • Die Gebärdensprache ist eine natürliche und vollwertige Sprache mit eigener Grammatik und eigenen Dialekten. Gebärdensprache ist keine universelle Sprache, das heißt: Es gibt in den einzelnen Ländern unterschiedliche Gebärdensprachen und regional auch unterschiedliche Dialekte. In Gebärdensprache sind literarische Formen, Wortspiele und Wortwitz ebenso möglich wie sprachliche Einschränkungen. So „lallen“ gehörlose Menschen nach zu großem Alkoholkonsum eben mit den Händen und von an Schizophrenie erkrankten gehörlosen Menschen kennen wir den „Gebärdensalat“. Auch Tourette-Syndrom gibt es in Gebärdensprache!

Über Gebärdensprache wird unbehindert auch der Zugang zu höherer Bildung ermöglicht. So zeigen Beispiele aus skandinavischen Ländern, dass gehörlose Schüler mühelos bis zu vier Sprachen erlernen können.

In den USA gibt es eigene Hochschulen für Gehörlose (Gallaudet, Rochester). Um im Berufsleben erfolgreich zu sein, bedarf es in erster Linie einer Qualifikation, egal in welcher Sprache diese erreicht wurde!

Gebärdensprache kann natürlich auch von „hörenden“ Menschen erlernt werden. Information über Gebärdensprachkurse gibt es in Salzburg unter: http://www.gehoerlose-salzburg.at/gebaerdenkurse/

  • Die Schriftsprache ist jener Teil der Lautsprache, welchem in einem bilingualen Konzept die größte Bedeutung zukommt. Denn durch Lesen kann fast uneingeschränktes Wissen erworben werden.

  • Die gesprochene Lautsprache wird vor allem für Standardsituationen im Kontakt mit Hörenden gebraucht und muss daher auch eingeübt werden. Dazu sind sehr gute Absehfähigkeiten (Lippenlesen) wichtig. Und das geht nur über einen ausreichend großen Wortschatz. Allerdings ist auch unter optimalsten Bedingungen nur maximal 1/3 des gesprochenen Inhaltes vom Mund ablesbar. Dazu braucht man kombinatorischen Denken, Abwiegen von Wahrscheinlichkeiten und gedankliche Rekonstruktion.

  • Die Lautsprachbegleitende Gebärde (LBG) schließlich dient der Sichtbarmachung der Struktur der Lautsprache. Jedes Wort wird mit einem Gebärdenzeichen begleitet. Als Kommunikationsmittel ist LBG allerdings ungeeignet, da es zu einer „Verstümmelung“ beider Sprachen führt..

Derzeit ist die Situation in Österreich so, dass die Gebärdensprache zwar geduldet, aber nicht gefördert wird. Der Unterricht an den Spezialschulen für Hörbehinderte wird derzeit noch sehr häufig monolingual in Lautsprache, unterstützt durch LBG, geführt.

Und das sind die Folgen:

  • Nur ein sehr kleiner Teil der gehörlosen ÖsterreicherInnen kann sinnverstehend lesen.

  • Die meisten Gehörlosen sprechen für Hörende unverständlich.

  • Gehörlose Menschen haben aufgrund ihres niedrigen Bildungsniveaus häufig geringe finanzielle Mittel. 

  • Das soziale Netz gehörloser Menschen besteht in erster Linie aus anderen gehörlosen Menschen.

  • Gehörlose Menschen heiraten überwiegend gehörlose Menschen.

  • 70% der gehörlosen Österreicher und Österreicherinnen sind Mitglieder in Gehörlosenvereinen. Dieser hohe Organisationsgrad ist ein Hinweis auf geringe Teilhabe gehörloser Menschen an der hörenden Gesellschaft.

  • Die Mehrzahl der gehörlosen Bevölkerung hat ausschließlich gehörlose Freunde.

  • Als erste gehörlose Österreicherin schaffte die grüne Nationalratsabgeordnete und Behindertensprecherin Helene Jarmer 1998 (!!) einen Universitätsabschluss!

Es würde hier zu weit führen, auf die bewegte Geschichte gehörloser Menschen einzugehen. Aber nur so viel: Das war nicht immer so. Bevor man Ende des 19. Jahrhunderts beschloss, gehörlose Kinder nicht mehr in Gebärdensprache von gehörlosen LehrerInnen unterrichten zu lassen und Gebärdensprache im Unterricht verbot, gab es gehörlose ÄrztInnen, WissenschaflerInnen, RichterInnen,….

Es ist daher völlig unverständlich, dass aus diesen Erkenntnissen nicht schon lange die Konsequenzen gezogen wurden und der Unterricht gehörloser Kinder in bilingualer Form erfolgt.

Und genau deshalb bin ich froh, meinen Teil zu der wichtigen Kampagne des österreichischen Gehörlosenverbandes Kinder haben Rechte. ÖGS als Unterrichtssprache! beitragen zu dürfen.

PS: falls ich jetzt Euer Interesse wecken konnte, Euch mit diesem Thema etwas mehr auseinander zu setzen, hier ein Buchtipp: 

Helene Jarmer (2011). Schreien nützt nichts. Mittendrin statt still dabei. Südwest-Verlag

1) UN-Erklärung 1992; Artikel 2/1: „Personen, die nationalen oder ethischen, religiösen und sprachlichen Minderheiten angehören, haben das Recht, ihre eigene Kultur zu pflegen, ihre eigene Religion zu verkünden und zu praktizieren und ihre eigene Sprache zu verwenden, im privaten und öffentlichen Bereich, frei von irgendeiner Art von Diskriminierung“

Kimbie Humer-Vogl

Über Kimbie Humer-Vogl

Landtagsabgeordnete, stv. Klubobfrau, Bezirkssprecherin der Grünen Tennengau - Sprecherin für Gesundheit, Soziales, SeniorInnen, Inklusion, Ehrenamt, Religion

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