Gleichbehandlung Intersex: weiblich – männlich – und das war’s? Ein Bericht von Kimbie Humer-Vogl

Veröffentlicht am 10. November 2014 | von Kimbie Humer-Vogl

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Intersex: weiblich – männlich – und das war’s?

Wer denkt, die Menschheit ließe sich in „weiblich“ und „männlich“ einteilen, der irrt. Denn wie Gabriele Rothuber, Intersexbeauftragte der HOSI Salzburg für das Bundesland , beim ersten Intersex-Solidarity-Day  vergangenes Wochenende in Salzburg verkündete:  1 von 100 Neugeborenen kommt laut ISNA (Intersex Society North America) mit Genitalien zur Welt, die von der Norm weiblich/männlich in irgendeiner Form abweichen – ohne dass all diese Kinder als zwischengeschlechtlich diagnostiziert werden.

Für diese Menschen wird der Begriff „intersexuell“ verwendet, auch wenn dieser Begriff eigentlich nicht ganz stimmig ist, wie Dr.  Gorji Marzban, Obmann der Oriental and Queer Organisation Austria, korrigiert. Denn Menschen, bei denen die sexuelle Zuordnung nicht eindeutig gelingt, stehen keineswegs „zwischen“  den künstlichen Polen „männlich“  bzw. „weiblich“. Viel eher handelt es sich um eigenständige Geschlechtsvariationen. Wissenschaftler gehen derzeit davon aus, dass es bis zu 4.000 solcher unterschiedlichen Variationen geben könnte.

Gorji Marzban ist selbst intersexuell, oder wie er sagt „ein Wandler unter den Geschlechtsrollen“. Mit seinem Schritt, sich dazu auch in der Öffentlichkeit zu erkennen zu geben, waren keineswegs nur positive Reaktionen verbunden. Plötzlich sei er mit Berührungsängsten auch aus dem nahen persönlichen Umfeld konfrontiert worden und  selbst in der nicht-heterosexuellen Community habe er Distanzierungen und Ausgrenzungen wahrgenommen.

Kein Wunder also, dass es in Österreich nur eine Handvoll Personen gibt, die in der Öffentlichkeit zu ihrer Intersexualität stehen. Die Lebensgeschichten, die diese Menschen erzählen, machen betroffen:

Von Intersexualität als dunkles Familiengeheimnis und Tabuthema ist da die Rede; Betroffene erzählen von Krankenhausaufenthalten, ärztlichen Konsultationen und Operationen, die ihnen nie erklärt wurden, über die nicht gesprochen werden durfte; vom Vertrauensverlust in die Eltern, vom schmerzhaften Weg der Suche nach der eigenen Identität; aber auch von der Trauer um die Teile ihrer Identität, die ihnen von klein auf verwehrt wurden und um die Körperteile, die ohne ihr Einverständnis, einer „Zwangsverstümmelung gleich“, wegoperiert wurden.

Was braucht es nun, um intersexuellen Menschen solche und ähnliche Leidenswege zu ersparen?

  • Zunächst einmal die Erkenntnis, dass es mehr gibt als nur weiblich und männlich. Denn wie Gorji Marzban sagt „We’re not rare, just invisible!“. Aufklärung muss in Bezug auf Transsexualität forciert werden, denn wie Lucie Veith, vom deutschen Verein „Intersexuelle Menschen EV“ berichtet, egal wohin sie sich wendet, überall stößt sie auf Unwissenheit und Staunen. Akzeptanz setzt immer auch Wissen voraus.
  • Dann, und da scheinen sich alle Selbst- und InteressensvertreterInnen einig: Zwangsoperationen an Kindern müssen verboten werden. Denn Umoperationen nach der Geburt seien nicht mehr als kosmetische Operationen und würden oft Ergebnisse produzieren, die letztendlich nicht mit der eigentlich erlebten Gender-Rolle in übereinstimmen würden. Intersexuelle Menschen haben ein Recht auf einen unversehrten Körper. Für die heute erwachsenen intersexuellen Menschen ist es oft nicht einmal mehr möglich herauszufinden, welchen Operationen sie überhaupt unterzogen wurden. Wenn für Schönheitsoperationen das Erreichen des 16.Lebensjahres Voraussetzung sei, warum dann nicht auch bei Operationen, die in die Sexualität der Menschen eingreifen?
  • Umoperationen lassen sich allerdings nur bei entsprechender Aufklärung von ÄrztInnen und Hebammen sowie durch Unterstützung und Empowerment von betroffenen Eltern vermeiden. Der erst kürzlich gegründete Verein Intersexueller Menschen Österreich hat sich zum Ziel gesetzt, nicht nur Betroffene sondern auch ihre Eltern von Anfang an zu begleiten. Denn wird ein intersexuelles Kind geboren, wird oft schon die Geburtsanzeige zur Herausforderung.
  • Weniger Einigkeit gibt es in der Frage der Personenstandszuschreibung. Während es in Deutschland möglich ist, im Reisepass neben „weiblich“ und „männlich“ auch „anders“ anzugeben, gibt es diese Möglichkeit in Österreich nicht. Derzeit lässt sich eher die Tendenz erkennen, von einer Geschlechtszuschreibung ganz abzusehen, da alles andere einem „Zwangsouting“ gleich kommt. Denn wie oft ist die Information über die sexuelle Zugehörigkeit wirklich von Bedeutung? Beim Bibliotheksausweis, der BILLA-Kundenkarte oder dem Konto sicher nicht! Leider aber ermöglicht eine eindeutige Geschlechtszugehörigkeit  oft Zugang zu bestimmten medizinischen Leistungen. So wird in Deutschland eine Prostatauntersuchung bei Personen, die angeben „weiblich“ zu sein, ebenso wenig von der Krankenkassa bezahlt, wie eine Brustverkleinerung  bei Männern in Österreich.

Ich möchte mit den Worten von Alex Jürgen (www.interfaceproject.org) schließen, der sagt: „It’s great to be able to be the person I am“ und hoffe, dass in Zukunft immer mehr intersexuelle Menschen mit voller Überzeugung seiner Aussage zustimmen können.

 

Kimbie Humer-Vogl

Über Kimbie Humer-Vogl

Landtagsabgeordnete, stv. Klubobfrau, Bezirkssprecherin der Grünen Tennengau - Sprecherin für Gesundheit, Soziales, SeniorInnen, Inklusion, Ehrenamt, Religion

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Kimbie Humer-Vogl

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