Gesundheit & Ernährung Schizophrenie ist kein Schimpfwort

Veröffentlicht am 27. Oktober 2014 | von Kimbie Humer-Vogl

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„Schizophren“ ist kein Schimpfwort

Als gestern ein (zwischenzeitlich Ex-) Facebook-Freund unsere Landessprecherin Astrid Rössler auf Grund ihres angeblich „extrem gespaltenen Verhaltens“ als „schizophren“ bezeichnet hat, habe ich ihn darauf hingewiesen, dass „schizophren“ kein Schimpfwort sei. Daraufhin kam der Vorschlag, er könne ja „schizophren“ mit „doppelmoralisch und verlogen“ ersetzen.

Anlass genug, dieses Forum zu nützen, um ein bisschen Aufklärungsarbeit zu leisten:

Schizophrenie ist eine schwere psychische Erkrankung (severe mental illness), die weltweit und kulturunabhängig etwa 1% der Bevölkerung trifft. Wir finden hier unter den psychischen Erkrankungen die stärkste genetische Komponente (etwa 50%) und wissen, dass der Krankheitsausbruch durch traumatische Ereignisse begünstigt wird. Die früher oft propagierte „schizophrenogene“ Mutter, die durch ihr Verhalten zum Krankheitsausbruch beiträgt, gibt es wie man mittlerweile weiß, nicht.

Was ist Schizophrenie?

Das Heimtückische an dieser Erkrankung ist das frühe Erstauftreten: Buben erkranken meist schon während der Pubertät, Mädchen im frühen Erwachsenenalter. Während gesunde Menschen also in diesem Altersabschnitt damit beschäftigt sind, sich von zu Hause abzunabeln, die Schule, eine berufliche Ausbildung oder ein Studium abzuschließen, eine Familie zu gründen und eine eigene Existenz aufzubauen, erleben an Schizophrenie erkrankte Menschen meist ihre ersten psychotischen Phasen, samt Klinikaufenthalten (fast immer nach „Zwangseinweisungen“, also gegen ihren Willen).

Das Kernsymptom der Schizophrenie ist der Wahn. Menschen die an Schizophrenie erkrankt sind, nehmen „Dinge“ wahr, die Nicht-Erkrankten verschlossen bleiben. Die meisten Betroffenen hören zum Beispiel Stimmen. Diese Stimmen sind meist kommentierend und stellen eine große Belastung dar. Oft fühlen sich Menschen mit Schizophrenie verfolgt und erleben peinigende Angst. Auch wenn die Wahninhalte für Außenstehende völlig irrational erscheinen (wie wahrscheinlich ist es, dass dem Kranken einen Chip im Gehirn implantiert wurde, der sein Verhalten nun steuert?). Es ist sehr schwer, Menschen ihre Wahnideen „auszureden“.  Das Erkrankungsbild ist phasisch: Auf  die vom Wahn dominierten, sogenannten „floriden Phasen“, folgen Phasen, die durch Inaktivität und Depression geprägt sind und von den Betroffenen, sowie der Umwelt nicht minder belastend erlebt werden.

Nicht jeder Krankheitsausbruch ist irreversibel, ein Teil der betroffenen Menschen durchlebt nur eine einzige Phase. Für die Mehrzahl der Betroffenen wird die Erkrankung  allerdings zum lebenslangen Begleiter, wobei der in den letzten Jahren erreichte Behandlungsfortschritt auch diesen Menschen erlaubt, eine hohe Lebensqualität zu erreichen.

Aber genau hier liegt der Knackpunkt:

Denn Metaanalysen mit tausenden StudienteilnehmerInnen zeigen: die wenigsten erkrankten Personen erhalten eine adäquate Therapie.

  • Problem Nummer 1 ist die Dauer zwischen dem Auftreten erster Symptome und der Erstdiagnose. Hier vergehen bei psychischer Erkrankung im Schnitt 6,8 Jahre, wobei hier gilt: Je jünger der Patient/die Patientin, umso größer ist die Behandlungsverzögerung! Bei Psychosen wirkt sich das besonders drastisch aus, denn das Behandlungsfenster zwischen Erstauftreten und Behandlung darf maximal zwei Monate dauern, für eine längere Behandlungsverzögerung gilt: Das verschlechtert die Prognose!
  •  Problem Nummer 2 ist die hohe Zahl jener Personen mit psychischer Erkrankung, die gar keine Behandlung erhalten (Bedingt durch die Behandlungsverzögerung, aber auch dadurch, dass Betroffene Menschen nicht im Behandlungssystem gehalten werden können). Im Schnitt werden 55,1 % der psychisch kranken Menschen gar nicht behandelt!
  •  Und dann gibt es noch Problem Nummer 3: die Behandlungsqualität. Weltweit erhalten nur etwa 28% eine adäquate Therapie, die minimaln Standards einer evidenzbasierten Behandlung entsprechen.

Zusammengefasst: die Mehrzahl der von psychischer Erkrankung betroffener Menschen werden gar nicht, zu spät oder falsch behandelt!

Die Ursache dafür, dass Menschen nicht umgehend den Arzt aufsuchen, wenn Symptome psychischer Erkrankung auftreten sind: Stigmatisierung und schlechter Zugang zum medizinischen System!

Die Folgen, um nur einige zu nennen: Drehtürpsychiatrie (rein in die Klinik – raus aus der Klinik – rein in die Klinik – raus…), geringe Lebensqualität, starke Belastung und Verantwortung für das Umfeld,  lebenslange Behinderung, erhöhte Suizidrate.

Die aktuelle Situation für Menschen mit psychischen Erkrankungen ist also alles andere als rosig. Früher hätte ich dazu gesagt: Hier ist die Politik gefordert. Nun, wo ich selbst die „Politik“ bin, habe ich folgende Ziele:

  • Mehr Aufklärung für mehr Toleranz. Die Bevölkerung sollte Symptome psychischer Erkrankung kennen und  wissen wo sie schnell die notwendige Unterstützung bekommen können.
  • Bessere Möglichkeiten der Früherkennung, zum Beispiel durch Ausbau der Früherkennungsambulanz und entsprechende Bewerbung dieser.
  • Es braucht ein Modell der integrativen Versorgung, das sich dadurch auszeichnet, dass betroffene Menschen direkt in ihrer natürlichen Umgebung Behandlung und Assistenz bekommen.
  • Für nicht-spezialisierte Pflegeinrichtungen, die Menschen mit psychischer Erkrankung beherbergen, sollte es Unterstützungskreise geben, die die Inklusion psychisch erkrankter Menschen in Wohngruppen erleichtern indem sie Know-how vermitteln.
  • Und last but not least: Krankenhäuser sind keine Wohnorte für psychisch kranke Menschen, sondern Orte der Gesundung und Rehabilitation.

Diese Ziele möchte ich in dieser Regierungsperiode konsequent verfolgen und ich freue mich über möglichst viele Rückmeldungen, Anregungen und WegbegleiterInnen. Denn je mehr Menschen –  unabhängig von ihren persönlichen politischen Gesinnungen –  dafür kämpfen, dass psychisch erkrankte Menschen ihren Platz in unserer Gesellschaft finden dürfen, desto eher schaffen wir die Kehrtwende weg von Diskriminierung und Ausgrenzung hin zu Toleranz und Inklusion.

P.S: Der Salzburger Landtag hat sich übrigens in dieser Legislaturperiode erst einmal mit dem Thema Psychische Erkrankung auseinandergesetzt. Am 22. Jänner 2014 wurde der Rechnungshofbericht zur Kinder- und Jugendpsychiatrie diskutiert. Betroffen von der gelinde gesagt unerfreulichen Situation an der Kinder- und Jugendpsychiatriestation der Christian Doppler Klinik wurde ein Entschließungsantrag der Grünen eingebracht, dem alle fünf Parteien zugestimmt haben. Dieser lautete:

Die Landesregierung wird ersucht bis 30. September 2014 über durchgeführte und geplante Maßnahmen zur psychiatrischen Versorgung von Kindern und Jugendlichen zu berichten.

Bis dato ist dieser Bericht leider ausständig.

Kimbie Humer-Vogl

Über Kimbie Humer-Vogl

Landtagsabgeordnete, stv. Klubobfrau, Bezirkssprecherin der Grünen Tennengau - Sprecherin für Gesundheit, Soziales, SeniorInnen, Inklusion, Ehrenamt, Religion

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