Gesundheit & Ernährung

Veröffentlicht am 14. Oktober 2014 | von Kimbie Humer-Vogl

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Mental Health und Cannabiskonsum

Auch wenn es immer noch keine Evidenz dafür gibt, dass psychische Erkrankungen zunehmen (möglicherweise werden sie nur häufiger diagnostiziert), investieren immer mehr Länder in die psychische Gesundheit ihrer Bevölkerung. Die besonders fortschrittlichen setzen dabei auf evidenzbasierte Studien. Diese ergründen zunächst wer, wie oft, warum erkrankt,  und welche Folgen diese Erkrankung hat, ehe entsprechende Interventionsansätze entwickelt werden.

Hier die wichtigsten Ergebnisse einer großen Metaanalyse (Erwachsene: N= 5318 Personen, Jugendliche: N= 10148 Personen) aus Deutschland (Uni-Klinik Hamburg, Prof. Martin Lambert):

  • Die Wahrscheinlichkeit für Erwachsene im Laufe eines Jahres zu erkranken beträgt 33%.
  • Für Jugendliche ist die gleiche Wahrscheinlichkeit 40,3%. Schuld daran sind die Belastungen, die Jugendliche in diesem Zeitraum erfahren (Scheidung der Eltern, Tod eines Elternteils, Vernachlässigung etc.).
  • Die meisten Erkrankungen psychischen Erkrankungen beginnen im Jugendalter. Mit 24 Jahren sind schon 75% jener Menschen erkrankt, die im Laufe ihres Lebens mit einer psychischen Erkrankung kämpfen müssen.
  • 1,7% aller psychischen Erkrankungen sind sogenannte schwere psychische Erkrankungen (90% davon sind an Psychosen erkrankt).
  • Es sind die schweren Erkrankungen, die oft zu lebenslanger Behinderung führen, und unwahrscheinliche Kosten verursachen (in Deutschland kostet ein Psychose-Erkrankter/ eine Erkrankte zwischen 40 und 50.000 €/Jahr

Konsequenterweise wird immer mehr Augenmerk auf die Erforschung der Ursachen schwerer psychischer Erkrankung gelegt. Und hier wird immer deutlicher, dass auch Cannabiskonsum eine wesentliche Rolle spielt. Exemplarisch hier ein paar Zahlen aus diesen Metastudien:

  • Wenn eine schwangere Frau  Cannabis raucht (5% tun das!), erhöht sich das Risiko für ihr Kind an einer Psychose zu erkranken um das Siebenfache.
  • Jugendliche CannabisraucherInnen erhöhen ihre Chancen an einer Psychose zu erkranken um das Dreifache.
  • Bei täglichem Konsum ist das Risiko um das Elffache erhöht.
  • Regelmäßige CannabiskonsumentInnen haben ein erhöhtes Suizidrisiko, ein erhöhtes Risiko für andere Drogen und ein stark erhöhtes Risiko keinen Schulabschluss zu erlangen.

Summa summarum: Die Rolle die Cannabis bei der Entstehung und Aufrechterhaltung schwerer psychischer Erkrankungen spielt, ist ausgesprochen bedenklich und lässt sich nicht wegdiskutieren. Schon gar nicht durch die Argumentation „Alkohol ist auch schädlich“. Ja, Alkohol ist eine Volksdroge, die jährlich einen enormen volkswirtschaftlichen Schaden und tausende Todesfälle verursacht. Aber das ist ein eigenes Thema.

Ebenso ist es mit dem Nikotinkonsum. Hier allerdings haben wir eine engere Verknüpfung zu Cannabis. Da Cannabis fast ausschließlich geraucht wir, ist Rauchen als „Einstiegsdroge“ zu sehen und Kampagnen wie „Don’t smoke“ wirken sich definitiv auch positiv auf den Cannabiskonsum aus.

Auch das Argument, dass Cannabis ein wirksames Medikament gegen Schmerzen ist ein eigenes Thema. Hier handelt es sich meist nicht um vulnerable Jugendliche, sondern um Erwachsene (deren Neuerkrankungsrisiko ausgesprochen gering ist), die sehr genau abwägen können, welche Vor- und Nachteile der Konsum mit sich bringt.

Dennoch: Eine Kriminalisierung der KonsumentInnen ist sicher keine Lösung. Prävention wäre aber noch stärker denn je zu forcieren! Cannabiskonsum bei Jugendlichen ist keineswegs harmlos, sondern kann – selten zwar, aber doch –  zu ernsthaften, irreversiblen gesundheitliche Einschränkungen führen. Nur Betroffene und Angehörige wissen welch unglaubliche Belastungen und Einschränkungen der Lebensqualität psychotische Erkrankungen mit sich bringen. Und wie wertvoll psychische Gesundheit ist. Wenn man diese schon leichtfertig aufs Spiel setzen will, so sollte man zumindest über die möglichen Konsequenzen Bescheid wissen!

Kimbie Humer-Vogl

Über Kimbie Humer-Vogl

Landtagsabgeordnete, stv. Klubobfrau, Bezirkssprecherin der Grünen Tennengau - Sprecherin für Gesundheit, Soziales, SeniorInnen, Inklusion, Ehrenamt, Religion

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Kimbie Humer-Vogl

Landtagsabgeordnete, stv. Klubobfrau, Bezirkssprecherin der Grünen Tennengau - Sprecherin für Gesundheit, Soziales, SeniorInnen, Inklusion, Ehrenamt, Religion



4 Responses to Mental Health und Cannabiskonsum

  1. Die Gleichzeitigkeit von Ereignissen, parallele Verschiebungen von Mitelwerten oder Korrelationen in Versuchsreihen sind wohl die häufigste Ursache für Fehlschlüsse.
    Wer unter den heutigen Umständen Cannabis konsumiert, tut das ja mit einer gewissen Herausforderung (Kriminalisierung). Ist der Konsum vielleicht nur ein Indikator für ein seelisches Problem – es ist ja wahrscheinlich nur irgendeine Signifikanz, die Größe der Wirkung ist gar nicht angeben.

  2. Hanna Ziesel says:

    Danke für die Auflistung dieser wichtigen Fakten, die ich in der Cannabisdiskussion immer vermisse. Ich selbst habe in meiner 15 Jahre dauernden Tätigkeit in der Sozialpsychiatrie so viele an Schizophrenie erkrankte Menschen mit einem Ersterkrankungsalter um die 20 Jahre erlebt, die zuvor Cannabis konsumiert haben. Allein das Risiko eines so völlig zerstörten Lebens und das unendliche Leid mit einer chronifizierten Psychose aus dem schizophrenen Formenkreis wäre für einige wohl der Grund sich den Konsum besser zu überlegen. Die Information darüber ist allerdings kaum vorhanden, nicht einmal in Fachkreisen. Warum eigentlich?

  3. Kimbie Humer-Vogl Kimbie Humer-Vogl says:

    Die Studienergebnisse zur Auswirkung von Cannabis sind eher neu und bestätigen das was alle Psychotherapeutinnen sagen. Aufgrund der Tatsache, dass die Fallzahlen ja insgesamt eher klein sind hat es wohl die Metaanalysen von Lambert gebraucht um das wirkliche Ausmaß der Gefährdung darzustellen.

  4. Ritt-Mental says:

    Danke für diesen guten Beitrag. Ich glaube einer der Königswege ist es die Genussmittel/Suchtmitteln zu kennen und diese nicht zu brauchen. Ich glaube es ist ein feiner weg wenn man Nikotin/Cannabis ganz gezielt z.B: 1-2 im Jahr ganze bewusst am Feierabend oder Lagerfeuer anwenden kann (wenn einen das was gibt) und es sonst nicht zu braucht.n

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